Viele Deutschlernende haben schon einmal gehört, dass der Genitiv im Deutschen angeblich allmählich verschwindet.

Diese Vorstellung hat einen realen Hintergrund: In bestimmten Bereichen des heutigen Deutschen können andere Konstruktionen tatsächlich mit dem Genitiv konkurrieren oder ihn teilweise ersetzen.

Die pauschale Schlussfolgerung „Der Genitiv verschwindet“ wäre jedoch zu einfach.

Die tatsächliche Situation hängt von der konkreten Konstruktion, ihrer Funktion, dem Register, der Region, der Kommunikationssituation und der Text- oder Gesprächsart ab. Es gibt unter anderem Konstruktionen mit Adjektiven, in denen der Genitiv grammatisch und semantisch weiterhin eine wichtige Rolle spielt.

Deshalb reicht es nicht, lediglich Folgendes auswendig zu lernen:

Adjektiv + Genitiv

Viel wichtiger ist es zu verstehen:

Was bedeutet die gesamte Konstruktion? Welche Beziehung drückt sie aus? Und wo wird sie im heutigen Deutsch tatsächlich verwendet?

Diese Videolektion wird auf Französisch vermittelt und richtet sich an französischsprachige Deutschlernende.

Beim Genitiv geht es nicht nur um Endungen

Beim Lernen des deutschen Genitivs richtet sich die Aufmerksamkeit häufig zunächst auf Formen wie:

des Mannes
der Frau
des Kindes

Diese Formen muss man natürlich kennen.

Die richtige Endung erklärt jedoch noch nicht, warum in einer bestimmten Konstruktion überhaupt der Genitiv steht.

Statt nur zu fragen:

„Welche Endung brauche ich hier?“

lohnt es sich deshalb, weitere Fragen zu stellen:

„Warum steht hier der Genitiv?“

„Welche Beziehung hilft er auszudrücken?“

„Was bedeutet die gesamte Konstruktion?“

„Zu welchem Register gehört sie?“

Damit gehen wir vom mechanischen Lernen einzelner Formen zu einem Verständnis dafür über, wie eine grammatische Konstruktion als Ganzes funktioniert.

des Preises würdig

Betrachten wir:

Er ist des Preises würdig.

Dahinter steht die Konstruktion:

einer Sache würdig sein

also:

etwas verdienen / einer Sache würdig sein.

Zum Beispiel:

Er ist des Preises würdig.

Hier ist des Preises nicht einfach nur ein weiteres Beispiel für eine Genitivform.

Dieses Element steht innerhalb einer bestimmten Konstruktion in einer syntaktischen und semantischen Beziehung zu würdig.

Deshalb kann die Formel:

würdig + Genitiv

als kurze Lernhilfe durchaus nützlich sein.

Das vollständige Muster:

einer Sache würdig sein

liefert jedoch wesentlich mehr Information, weil wir damit gleichzeitig die Konstruktion und ihre Bedeutung lernen.

der deutschen Sprache mächtig

Ein weiteres Beispiel:

Er ist der deutschen Sprache mächtig.

Wenn man mächtig nur in Bedeutungen wie „machtvoll“ oder „einflussreich“ kennt, reicht die isolierte Übersetzung des Adjektivs nicht aus, um diesen Satz richtig zu verstehen.

In der Konstruktion:

einer Sache mächtig sein

bedeutet der Ausdruck etwa:

etwas beherrschen / über etwas sicher verfügen können.

Daher bedeutet:

Er ist der deutschen Sprache mächtig.

ungefähr:

Er beherrscht die deutsche Sprache.

Dieses Beispiel zeigt einen grundlegenden Punkt:

Die Bedeutung eines einzelnen Wortes ist nicht immer identisch mit der Bedeutung der gesamten Konstruktion.

Deshalb reicht es nicht, lediglich das Adjektiv und den Namen des dazugehörigen Kasus zu lernen.

Was bedeutet eigentlich „Ein Adjektiv regiert den Genitiv“?

Die Formulierung:

„Dieses Adjektiv verlangt den Genitiv“

ist eine praktische didaktische Kurzform.

Präziser kann man sagen: In einer bestimmten Konstruktion steht eine syntaktisch und semantisch vom Adjektiv abhängige Ergänzung im Genitiv.

Zum Beispiel:

einer Sache würdig sein
einer Sache mächtig sein
einer Sache gewiss sein

Das gehört zu einem umfassenderen grammatischen Phänomen: der Rektion.

Im Deutschen können nicht nur Verben und Präpositionen den Kasus eines abhängigen Elements bestimmen. Es gibt auch Adjektivkonstruktionen, in denen die entsprechende Ergänzung in einem bestimmten Kasus steht.

Deshalb ist es häufig sinnvoller, statt des isolierten Schemas:

Wort + Kasus

Folgendes zu lernen:

vollständige Konstruktion + Bedeutung + tatsächlicher Gebrauch.

Der Genitiv bedeutet nicht nur Besitz oder Zugehörigkeit

Eine der häufigsten Lernassoziationen lautet:

Genitiv = Besitz / Zugehörigkeit / „wessen?“

Dieses Modell ist in bestimmten Situationen nützlich, erfasst aber nicht sämtliche Funktionen des Genitivs.

Vergleichen wir:

das Auto des Mannes

mit:

des Preises würdig sein

und:

der deutschen Sprache mächtig sein.

In allen drei Beispielen finden wir einen Genitiv, doch die Beziehungen zwischen den jeweiligen Elementen sind nicht dieselben.

Einen Kasus versteht man deshalb besser nicht über eine einzige universelle Frage oder Übersetzung, sondern über die konkrete Konstruktion und die Funktion, die der Kasus darin erfüllt.

Ein wichtiger Fall: sich einer Sache bewusst sein

Betrachten wir eine weitere Konstruktion:

sich einer Sache bewusst sein

also:

etwas bewusst wahrnehmen / sich über etwas im Klaren sein.

Manchmal wird diese Konstruktion vereinfacht als:

bewusst + Genitiv

dargestellt.

Dieses Modell ist jedoch unvollständig.

Das Reflexivpronomen sich ist strukturell Bestandteil der gesamten Konstruktion.

Präziser ist es daher, Folgendes zu lernen:

sich einer Sache bewusst sein

und nicht lediglich:

bewusst + Genitiv.

Dieses Beispiel zeigt besonders deutlich, warum das mechanische Schema „Wort + Kasus“ einen Teil der tatsächlichen grammatischen Struktur verdecken kann.

Verschwindet der Genitiv tatsächlich?

Die Vorstellung vom „Verschwinden des Genitivs“ entsteht häufig dadurch, dass man in bestimmten Bereichen des heutigen Deutschen eine Konkurrenz zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten beobachten kann, bestimmte Beziehungen auszudrücken.

Veränderungen in einem Teil des Sprachsystems bedeuten jedoch nicht automatisch, dass ein ganzer Kasus aus der Sprache verschwindet.

Man muss unterscheiden zwischen:

der Häufigkeit einer bestimmten Konstruktion;
ihrem stilistischen Status;
Variation zwischen Registern und Regionen;
Konkurrenz mit alternativen Konstruktionen;
dem Fortbestehen des Genitivs in anderen grammatischen Mustern.

Die präzisere Frage lautet deshalb:

„In welchen Konstruktionen wird der Genitiv seltener, und in welchen bleibt er lebendig und funktional?“

So lassen sich reale Sprachveränderungen beschreiben, ohne sie unnötig zu verallgemeinern.

Grammatisch korrekt bedeutet nicht automatisch stilistisch neutral

Einige Adjektivkonstruktionen mit Genitiv sind grammatisch vollkommen korrekt.

Das bedeutet jedoch nicht, dass sie im alltäglichen gesprochenen Deutsch alle gleich häufig vorkommen.

Bestimmte Konstruktionen sind besonders charakteristisch für:

✔ geschriebene Sprache
✔ formellere Register
✔ literarische Sprache
✔ journalistische und essayistische Texte
✔ akademische und offizielle Kommunikation
✔ feste oder teilweise feste Wendungen
✔ einen gehobenen Sprachgebrauch

Deshalb müssen zwei Fragen klar voneinander getrennt werden:

„Kann man das grammatisch so sagen?“

und:

„Klingt das gerade in dieser Situation natürlich?“

Das ist nicht dasselbe.

Eine Konstruktion kann grammatisch korrekt und für Muttersprachler völlig verständlich sein und gleichzeitig formell, schriftsprachlich, gehoben oder auf andere Weise stilistisch markiert wirken.

Literarisch oder formell bedeutet nicht „tot“

Wenn eine Konstruktion häufiger in Literatur, Publizistik oder formeller Sprache vorkommt, liegt die Schlussfolgerung nahe, sie gehöre nicht mehr zum modernen Deutsch.

Das muss jedoch keineswegs der Fall sein.

Eine Konstruktion kann:

weiterhin zum modernen Deutschen gehören;

für bestimmte Register typisch sein;

in der Schriftsprache häufiger auftreten als im Gespräch;

in festen Wendungen erhalten bleiben;

von Muttersprachlern problemlos verstanden werden, auch wenn sie selbst sie im Alltag nur selten aktiv verwenden.

Deshalb reicht die einfache Gegenüberstellung:

„modern“ / „veraltet“

häufig nicht aus.

Die sinnvollere Frage lautet:

„Welchen Status hat diese Konstruktion im heutigen Deutsch, und wo wird sie tatsächlich verwendet?“

Eine Konstruktion verstehen und sie aktiv verwenden sind unterschiedliche Kompetenzen

Nicht jede Genitivkonstruktion, die ein Lernender erkennen kann, muss sofort in den eigenen alltäglichen Sprachgebrauch übernommen werden.

Zunächst ist es wichtig, zu lernen:

die Konstruktion zu erkennen;
ihre Bedeutung zu verstehen;
die grammatische Beziehung zu sehen;
ihr Register einzuschätzen;
zu verstehen, in welchen Situationen sie natürlich wirkt.

Erst danach stellt sich die Frage, ob und wie häufig man sie selbst aktiv verwenden sollte.

Daher gilt:

Eine Regel kennen ≠ eine Konstruktion verstehen ≠ sie in einer realen Situation angemessen verwenden können.

Das sind unterschiedliche Ebenen sprachlicher Kompetenz.

Auch der Vergleich mit dem Französischen muss präzise sein

Für französischsprachige Lernende kann das deutsche Kasussystem zunächst ungewohnt sein, weil das moderne Französische Nominalgruppen nicht mit demselben morphologischen Kasussystem organisiert wie das Deutsche.

Das bedeutet jedoch nicht, dass die Bedeutungen und Beziehungen, die im Deutschen durch den Genitiv oder durch Kasusrektion ausgedrückt werden, im Französischen nicht existieren.

Das Französische kann ähnliche Beziehungen mit anderen grammatischen Mitteln ausdrücken, insbesondere durch Präpositionalkonstruktionen.

Deshalb ist es sinnvoller, nicht einzelne Endungen mechanisch miteinander zu vergleichen, sondern:

Bedeutung → Beziehung → Konstruktion → grammatische Ausdrucksweise in der jeweiligen Sprache.

So vermeidet man die Suche nach einem vermeintlichen „französischen Genitiv“, wo zwei Sprachen ähnliche Bedeutungen einfach mit unterschiedlichen grammatischen Mitteln organisieren.

Diese Konstruktionen beweisen keinen besonderen „deutschen Denkstil“

Manchmal wird aus einer grammatischen Besonderheit einer Sprache zu schnell eine Behauptung über das Denken einer ganzen Sprachgemeinschaft:

„Das Deutsche organisiert es so, also denken Deutsche so.“

Das wäre eine zu weitreichende Verallgemeinerung.

Das Verhältnis zwischen Sprache und Denken ist tatsächlich ein ernstzunehmendes und komplexes Forschungsgebiet. Es ist jedoch wesentlich komplizierter als die Gleichung:

Grammatik = nationale Denkweise.

Aus diesen Genitivkonstruktionen lässt sich eine präzisere Schlussfolgerung ziehen:

Sie zeigen, wie das Deutsche bestimmte Bedeutungen und Beziehungen grammatisch organisiert.

Das ist bereits wichtig genug, um die Systematik der Sprache zu verstehen, ohne aus einer grammatischen Struktur unbegründete psychologische Aussagen über eine ganze Sprachgemeinschaft abzuleiten.

Wie sollte man solche Konstruktionen lernen?

Nicht nur:

würdig + Genitiv

sondern:

einer Sache würdig sein

Nicht nur:

mächtig + Genitiv

sondern:

einer Sache mächtig sein

Und nicht lediglich:

bewusst + Genitiv

sondern die vollständige Konstruktion:

sich einer Sache bewusst sein

Bei jeder Konstruktion lohnt es sich außerdem, mehrere Fragen zu stellen:

Was bedeutet sie?

Wie ist sie aufgebaut?

Welche Beziehung drückt der Genitiv hier aus?

Zu welchem Register gehört sie?

Wie wird sie im heutigen Deutsch tatsächlich verwendet?

Muss ich sie nur verstehen oder auch aktiv verwenden können?

So wird Grammatik nicht mehr zu einer Sammlung isolierter Regeln, die mechanisch auswendig gelernt werden müssen.

Sie wird zu einem System miteinander verbundener Formen, Konstruktionen, Bedeutungen und Beziehungen.

Diese Videolektion behandelt

✔ deutsche Adjektivkonstruktionen mit Genitiv
✔ warum man den Genitiv nicht einfach für „verschwindend“ erklären kann
✔ Bedeutung und grammatische Beziehungen statt mechanischen Auswendiglernens
des Preises würdig und andere authentische deutsche Beispiele
der deutschen Sprache mächtig und die Bedeutung der vollständigen Konstruktion
✔ den Unterschied zwischen der Bedeutung eines einzelnen Wortes und der Bedeutung einer Konstruktion
✔ literarischen, formellen und modernen Sprachgebrauch
✔ den Unterschied zwischen grammatischer Korrektheit und stilistischer Neutralität
✔ die Rolle des Registers im tatsächlichen Sprachgebrauch
✔ den Vergleich deutscher Konstruktionen mit französischen Möglichkeiten, ähnliche Beziehungen auszudrücken
✔ praktisches Verständnis statt mechanischen Auswendiglernens

Statt bei:

„Dieses Adjektiv verlangt den Genitiv“

stehen zu bleiben, sollten wir den vollständigen Weg betrachten:

Form → Konstruktion → Bedeutung → Beziehung → Register → tatsächlicher Gebrauch.

Dann lernen wir nicht einfach noch eine weitere Grammatikregel auswendig.

Wir beginnen zu verstehen, warum bestimmte Genitivkonstruktionen im heutigen Deutsch lebendig und funktional bleiben.

Den vollständigen Artikel lesen

„Adjectives That Still Govern the Genitive — and What They Really Mean“ — LANGUAGE SCHOOL by TYMUR LEVITIN


Autor: Tymur Levitin — Gründer und Direktor, Levitin Language School / Language Learnings

© Tymur Levitin