Einige Konstruktionen mit deutschen Adjektiven verlangen auch heute noch den Genitiv.

Auf den ersten Blick könnte das wie ein Überbleibsel eines älteren grammatischen Systems wirken. Schließlich hört man häufig die Behauptung, der Genitiv verschwinde im modernen Deutschen allmählich.

Die tatsächliche Situation ist jedoch komplexer.

In bestimmten Bereichen des heutigen Deutschen können andere Konstruktionen tatsächlich mit dem Genitiv konkurrieren oder ihn teilweise ersetzen. Daraus folgt aber nicht, dass der Genitiv als Kasus aus der Sprache verschwindet.

Es gibt Konstruktionen, in denen er weiterhin eine konkrete grammatische und semantische Funktion erfüllt.

Deshalb reicht es nicht, lediglich Folgendes zu lernen:

Adjektiv + Genitiv

Entscheidend ist vielmehr, den gesamten Zusammenhang zu verstehen:

Bedeutung → Konstruktion → syntaktische Beziehung → Register → tatsächlicher Gebrauch.

Diese Videolektion wird auf Polnisch vermittelt und richtet sich an polnischsprachige Deutschlernende.

Beim Genitiv geht es nicht nur um Endungen

Beim Lernen des deutschen Genitivs konzentriert man sich häufig zunächst auf Formen wie:

des Mannes
der Frau
des Kindes

Diese Formen zu kennen ist notwendig.

Eine korrekte Endung erklärt jedoch noch nicht, warum in einer bestimmten Konstruktion überhaupt der Genitiv steht.

Statt ausschließlich zu fragen:

„Welche Endung brauche ich hier?“

lohnt es sich daher, weitere Fragen zu stellen:

„Warum steht hier der Genitiv?“

„Welche Beziehung hilft er auszudrücken?“

„Was bedeutet die gesamte Konstruktion?“

„In welchem Register und in welchen Situationen wird sie tatsächlich verwendet?“

So wird Grammatik von einer bloßen Tabelle von Formen zu einem System, das zeigt, wie das Deutsche Bedeutungen und Beziehungen zwischen sprachlichen Elementen grammatisch organisiert.

des Preises würdig

Betrachten wir:

Er ist des Preises würdig.

Dahinter steht die Konstruktion:

einer Sache würdig sein

also:

etwas verdienen / einer Sache würdig sein.

Hier ist des Preises nicht einfach nur ein weiteres Beispiel für eine Genitivform.

Dieses Element steht innerhalb einer bestimmten Konstruktion in einer syntaktischen und semantischen Beziehung zu würdig.

Die Formel:

würdig + Genitiv

kann deshalb als kurze Lernhilfe durchaus nützlich sein.

Produktiver ist es jedoch, das vollständige Muster zu lernen:

einer Sache würdig sein

Denn damit lernt man gleichzeitig die grammatische Konstruktion und ihre Bedeutung.

der deutschen Sprache mächtig

Ein weiteres Beispiel:

Er ist der deutschen Sprache mächtig.

Wer mächtig lediglich in Bedeutungen wie „stark“, „einflussreich“ oder „Macht besitzend“ kennt, kann den Satz nicht zuverlässig verstehen, indem er nur das einzelne Adjektiv übersetzt.

In der Konstruktion:

einer Sache mächtig sein

geht es darum, etwas zu beherrschen oder über eine entsprechende Fähigkeit bzw. Kompetenz zu verfügen.

Daher bedeutet:

Er ist der deutschen Sprache mächtig.

ungefähr:

Er beherrscht die deutsche Sprache.

Dieses Beispiel zeigt einen wichtigen Grundsatz:

Die Bedeutung eines einzelnen Wortes ist nicht immer mit der Bedeutung der gesamten Konstruktion identisch.

Gerade deshalb reicht eine Liste nach dem Muster „Adjektiv + Kasus“ häufig nicht aus.

Was bedeutet eigentlich „ein Adjektiv regiert den Genitiv“?

Die Formulierung:

„Dieses Adjektiv verlangt den Genitiv“

ist eine praktische didaktische Kurzform.

Präziser kann man sagen: Innerhalb einer bestimmten Konstruktion steht ein syntaktisch und semantisch mit dem Adjektiv verbundenes Komplement im Genitiv.

Zum Beispiel:

einer Sache würdig sein
einer Sache mächtig sein
einer Sache gewiss sein

Das gehört zu einem umfassenderen grammatischen Phänomen: der Rektion.

Im Deutschen können nicht nur Verben und Präpositionen den Kasus eines abhängigen Elements bestimmen. Es gibt auch Konstruktionen mit Adjektiven, in denen ein entsprechendes Komplement in einem bestimmten Kasus steht.

Deshalb ist es häufig sinnvoller, statt:

Wort + Kasus

Folgendes zu lernen:

vollständige Konstruktion + Bedeutung + tatsächlicher Gebrauch.

Genitiv bedeutet nicht nur Besitz oder Zugehörigkeit

Eine der häufigsten Lernassoziationen lautet:

Genitiv = Besitz / Zugehörigkeit / „wessen?“

Dieses Modell ist in bestimmten Zusammenhängen hilfreich, beschreibt aber keineswegs alle Funktionen des Genitivs.

Vergleichen wir:

das Auto des Mannes

mit:

des Preises würdig sein

und:

der deutschen Sprache mächtig sein.

In allen drei Fällen steht ein Genitiv, doch die Beziehungen zwischen den Elementen sind nicht identisch.

Einen Kasus versteht man daher besser nicht über eine einzige universelle Frage oder Übersetzung, sondern über die jeweilige Konstruktion und die Funktion, die er darin erfüllt.

Ein besonders wichtiges Beispiel: sich einer Sache bewusst sein

Betrachten wir eine weitere Konstruktion:

sich einer Sache bewusst sein

Manchmal wird sie vereinfacht als:

bewusst + Genitiv

dargestellt.

Dieses Modell ist jedoch unvollständig.

Das Reflexivpronomen sich gehört strukturell zur vollständigen Konstruktion.

Präziser ist es deshalb, Folgendes als Einheit zu lernen:

sich einer Sache bewusst sein

und nicht lediglich:

bewusst + Genitiv.

Dieses Beispiel zeigt besonders deutlich, wie die Formel „Wort + Kasus“ einen Teil der tatsächlichen grammatischen Struktur verdecken kann.

Verschwindet der Genitiv wirklich?

Die Behauptung vom „Verschwinden des Genitivs“ entsteht häufig dadurch, dass in bestimmten Bereichen des modernen Deutschen unterschiedliche Möglichkeiten zum Ausdruck bestimmter Beziehungen miteinander konkurrieren.

Eine veränderte Häufigkeit einzelner Konstruktionen bedeutet jedoch nicht automatisch, dass ein ganzer Kasus aus dem Sprachsystem verschwindet.

Man sollte unterscheiden zwischen:

der Häufigkeit einer bestimmten Konstruktion;
ihrem stilistischen Status;
Unterschieden zwischen Registern;
regionaler Variation;
Konkurrenz mit alternativen Konstruktionen;
dem Fortbestehen des Genitivs in anderen grammatischen Mustern.

Eine präzisere Frage lautet daher:

„In welchen Konstruktionen wird der Genitiv seltener verwendet, und in welchen bleibt er lebendig und funktional?“

So lassen sich tatsächliche Sprachveränderungen beschreiben, ohne eine lokale Entwicklung vorschnell auf das gesamte Kasussystem zu übertragen.

Grammatisch korrekt bedeutet nicht stilistisch neutral

Einige Adjektivkonstruktionen mit Genitiv sind vollkommen grammatisch korrekt.

Das bedeutet jedoch nicht, dass sie im alltäglichen gesprochenen Deutsch alle gleich häufig vorkommen.

Bestimmte Konstruktionen sind besonders typisch für:

✔ geschriebene Sprache
✔ formellere Register
✔ Literatur
✔ publizistische Texte
✔ akademische und offizielle Kommunikation
✔ feste oder teilweise feste Wendungen
✔ einen gehobenen Sprachstil

Deshalb muss man zwei Fragen klar voneinander unterscheiden:

„Kann man das grammatisch so sagen?“

und:

„Ist es in genau dieser Situation natürlich, es so zu sagen?“

Das ist nicht dasselbe.

Eine Konstruktion kann normgerecht und für Muttersprachler problemlos verständlich sein und gleichzeitig formell, schriftsprachlich, gehoben oder auf andere Weise stilistisch markiert wirken.

Formell oder literarisch bedeutet nicht „tot“

Wenn eine Konstruktion häufiger in Literatur, Publizistik oder formeller Sprache vorkommt, liegt die Schlussfolgerung nahe, sie gehöre nicht mehr zum modernen Deutsch.

Das muss keineswegs der Fall sein.

Eine Konstruktion kann:

weiterhin Bestandteil des modernen Deutschen sein;

für bestimmte Register typisch sein;

schriftlich häufiger vorkommen als im Alltagsgespräch;

in festen Wendungen erhalten bleiben;

von Muttersprachlern problemlos verstanden werden, auch wenn sie sie selbst im Alltag nur selten aktiv verwenden.

Deshalb reicht die einfache Gegenüberstellung:

„modern“ / „veraltet“

nicht immer aus.

Die sinnvollere Frage lautet:

„Welchen Status hat diese Konstruktion im heutigen Deutschen und wo wird sie tatsächlich verwendet?“

Eine Konstruktion verstehen und sie aktiv verwenden sind unterschiedliche Kompetenzen

Nicht jede Genitivkonstruktion, die ein Lernender erkennen und verstehen kann, muss sofort Bestandteil seiner alltäglichen aktiven Sprache werden.

Zunächst ist es wichtig zu lernen:

die Konstruktion zu erkennen;
ihre Bedeutung zu verstehen;
die grammatische Beziehung zu sehen;
ihr Register einzuschätzen;
zu verstehen, in welchen Situationen sie natürlich wirkt.

Erst danach stellt sich die Frage, in welchem Umfang sie für den eigenen aktiven Sprachgebrauch benötigt wird.

Deshalb gilt:

eine Regel kennen ≠ eine Konstruktion verstehen ≠ sie in einer realen Situation angemessen verwenden können.

Das sind unterschiedliche Ebenen sprachlicher Kompetenz.

Auch der Vergleich mit dem Polnischen erfordert Präzision

Für polnischsprachige Lernende ist das Konzept grammatischer Fälle keineswegs fremd: Sowohl das Polnische als auch das Deutsche verfügen über morphologische Kasussysteme.

Daraus folgt jedoch nicht, dass der polnische Dopełniacz und der deutsche Genitiv identisch funktionieren oder dass sich jeder deutschen Genitivkonstruktion mechanisch eine polnische Konstruktion mit Dopełniacz zuordnen lässt.

Zwei Sprachen können ähnliche morphologische Kategorien besitzen und deren Funktionen trotzdem unterschiedlich auf konkrete Konstruktionen verteilen.

Deshalb ist es hilfreicher, Folgendes miteinander zu vergleichen:

Bedeutung → Beziehung → Konstruktion → grammatische Ausdrucksweise in der jeweiligen Sprache

statt von einer Gleichung auszugehen wie:

Genitiv = Dopełniacz = dieselbe Regel.

Die Ähnlichkeit beider Kasussysteme kann das Lernen erleichtern. Gleichzeitig kann sie jedoch ein trügerisches Gefühl vollständiger Entsprechung erzeugen.

Für polnischsprachige Deutschlernende ist es daher wichtig, nicht nur einen vertrauten Kasusnamen wiederzuerkennen, sondern zu verstehen, welche konkreten Konstruktionen das Deutsche mit diesem Kasus bildet.

Diese Konstruktionen beweisen keine besondere „deutsche Denkweise“

Eine grammatische Besonderheit wird manchmal sehr schnell zu einer Aussage über die Denkweise einer ganzen Sprachgemeinschaft:

„Das Deutsche organisiert etwas auf diese Weise, also denken Deutsche auf diese Weise.“

Das wäre eine zu weitgehende Verallgemeinerung.

Das Verhältnis zwischen Sprache und Denken ist ein reales und komplexes wissenschaftliches Forschungsgebiet. Es lässt sich jedoch nicht auf die Formel reduzieren:

Grammatik = nationale Denkweise.

Aus diesen Konstruktionen lässt sich eine wesentlich präzisere Schlussfolgerung ziehen:

Sie zeigen, wie das Deutsche bestimmte Bedeutungen und Beziehungen grammatisch organisiert.

Das reicht bereits aus, um die Systematik der Grammatik zu erkennen, ohne aus einer einzelnen sprachlichen Struktur unbegründete psychologische Aussagen über eine ganze Sprachgemeinschaft abzuleiten.

Wie sollte man solche Konstruktionen lernen?

Nicht nur:

würdig + Genitiv

sondern:

einer Sache würdig sein

Nicht nur:

mächtig + Genitiv

sondern:

einer Sache mächtig sein

Und nicht einfach:

bewusst + Genitiv

sondern die vollständige Konstruktion:

sich einer Sache bewusst sein

Bei jeder Konstruktion lohnt es sich außerdem zu fragen:

Was bedeutet sie?

Wie ist sie aufgebaut?

Welche Beziehung drückt der Genitiv hier aus?

Zu welchem Register gehört sie?

Wie wird sie im heutigen Deutschen tatsächlich verwendet?

Muss ich sie nur verstehen oder auch aktiv verwenden können?

So wird Grammatik nicht mehr zu einer Sammlung isolierter Regeln, die mechanisch auswendig gelernt werden müssen.

Sie wird zu einem System miteinander verbundener Formen, Konstruktionen, Bedeutungen und Beziehungen.

Diese Videolektion enthält

✔ deutsche Adjektivkonstruktionen mit Genitiv
✔ eine Erklärung, warum man den Genitiv nicht einfach für „verschwindend“ erklären kann
✔ Bedeutung und grammatische Beziehungen statt mechanischem Auswendiglernen
des Preises würdig und weitere authentische deutsche Beispiele
der deutschen Sprache mächtig und die Bedeutung der vollständigen Konstruktion
✔ den Unterschied zwischen der Bedeutung eines einzelnen Wortes und der Bedeutung einer gesamten Konstruktion
✔ traditionellen und modernen Sprachgebrauch
✔ literarische, formelle und weitere Register
✔ den Unterschied zwischen grammatischer Korrektheit und stilistischer Neutralität
✔ den Vergleich deutscher Konstruktionen mit dem polnischen Kasussystem, ohne Genitiv und Dopełniacz mechanisch gleichzusetzen
✔ ein praktisches Verständnis der deutschen Sprachstruktur

Statt bei der Aussage:

„Dieses Adjektiv verlangt den Genitiv“

stehen zu bleiben, lohnt es sich, den gesamten Weg zu betrachten:

Form → Konstruktion → Bedeutung → Beziehung → Register → tatsächlicher Gebrauch.

Dann lernen wir nicht einfach nur eine weitere Grammatikregel auswendig.

Wir beginnen zu verstehen, warum bestimmte Genitivkonstruktionen im modernen Deutschen weiterhin existieren und ihre Funktion erfüllen.

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„Adjectives That Still Govern the Genitive — and What They Really Mean“ — LANGUAGE SCHOOL by TYMUR LEVITIN


Autor: Tymur Levitin — Gründer und Direktor der Levitin Language School / Language Learnings

© Tymur Levitin