Viele russischsprachige Deutschlernende prägen sich Listen mit deutschen Adjektiven und den dazugehörigen Kasus ein:

würdig + Genitiv
mächtig + Genitiv
gewiss + Genitiv

Doch eine solche Formel zu kennen bedeutet noch nicht zu verstehen, warum die Konstruktion gerade so aufgebaut ist, was sie bedeutet und wo sie tatsächlich verwendet wird.

Diese Videolektion wird auf Russisch vermittelt und richtet sich an russischsprachige Lernende, die Deutsch lernen.

Es geht nicht nur um eine Liste von Adjektiven, die in bestimmten Konstruktionen den Genitiv verlangen. Wir untersuchen den Mechanismus dahinter: Welche Bedeutung hat die Konstruktion? Welche Beziehung besteht zwischen ihren Elementen? Warum erscheint der Genitiv? Und wie funktionieren solche Strukturen im heutigen Deutsch tatsächlich?

Eine Kasusregel zu kennen bedeutet noch nicht, die Konstruktion zu verstehen

Beim Lernen des deutschen Genitivs richtet sich die Aufmerksamkeit häufig zunächst auf die Formen:

des Mannes
der Frau
des Kindes

Das ist notwendig. Die Form ist jedoch nur eine Ebene des Systems.

Ebenso wichtig sind andere Fragen:

Warum steht hier überhaupt der Genitiv?

Welche Beziehung hilft er auszudrücken?

Ist diese Konstruktion im heutigen gesprochenen Deutsch üblich oder gehört sie eher zu einem anderen Register?

Statt nur nach dem Modell:

Wort → Kasus

zu lernen, ist deshalb ein umfassenderes Modell hilfreicher:

Form → Konstruktion → Bedeutung → Beziehung → Register → tatsächlicher Gebrauch.

des Preises würdig

Betrachten wir:

Er ist des Preises würdig.

Dahinter steht die Konstruktion:

einer Sache würdig sein

Sie bedeutet:

etwas verdienen / einer Sache würdig sein.

In:

Er ist des Preises würdig.

lässt sich der Genitiv nicht einfach mit einer schulischen Gleichung wie „Genitiv = Besitz oder Zugehörigkeit“ erklären.

des Preises steht in einer syntaktischen und semantischen Beziehung zu würdig innerhalb einer bestimmten Konstruktion.

Die Formel:

würdig + Genitiv

ist deshalb als Lernhilfe durchaus nützlich.

Die vollständige Konstruktion:

einer Sache würdig sein

liefert jedoch mehr: Bedeutung, syntaktische Beziehung und Kasusrektion werden gemeinsam gelernt.

der deutschen Sprache mächtig

Ein weiteres Beispiel:

Er ist der deutschen Sprache mächtig.

Mächtig bedeutet hier nicht einfach „stark“, „einflussreich“ oder „Macht besitzend“.

In der Konstruktion:

einer Sache mächtig sein

hat es eine andere Funktion und kann bedeuten:

etwas beherrschen / über etwas verfügen / mit etwas kompetent umgehen können.

Daher bedeutet:

Er ist der deutschen Sprache mächtig.

ungefähr:

Er beherrscht die deutsche Sprache.

Die Bedeutung entsteht hier also nicht allein aus dem isolierten Wort mächtig, sondern aus der gesamten Konstruktion.

Das ist ein wichtiger Grundsatz:

Wortbedeutung ≠ Konstruktionsbedeutung.

Was bedeutet eigentlich „ein Adjektiv regiert den Genitiv“?

Die Formulierung:

„Dieses Adjektiv verlangt den Genitiv“

ist als Lernregel praktisch, sollte aber genauer verstanden werden.

In einer bestimmten Konstruktion steht ein Komplement, das syntaktisch und semantisch mit dem Adjektiv verbunden ist, im Genitiv.

Das gehört zum größeren Phänomen der Rektion.

Im Deutschen können nicht nur Verben und Präpositionen bestimmte Kasus verlangen.

Auch bei Adjektiven finden wir Konstruktionen, in denen ein bestimmter Kasus für das zugehörige Komplement vorgesehen ist.

Zum Beispiel:

einer Sache würdig sein
einer Sache mächtig sein
einer Sache gewiss sein

Deshalb ist es häufig sinnvoller, nicht nur die abstrakte Formel:

„Wort X verlangt Kasus Y“

zu lernen, sondern die vollständige Konstruktion zusammen mit ihrer Bedeutung.

Der Genitiv bedeutet nicht nur Besitz oder Zugehörigkeit

Eine verbreitete Lernassoziation lautet:

Genitiv = Besitz / Zugehörigkeit / „wessen?“

Für bestimmte Fälle ist das hilfreich, aber als Beschreibung des gesamten Systems ist es zu eng.

Vergleichen wir:

das Auto des Mannes

mit:

des Preises würdig sein

und:

der deutschen Sprache mächtig sein.

In allen drei Fällen erscheint der Genitiv, doch die ausgedrückten Beziehungen sind nicht identisch.

Ein Kasus lässt sich daher nicht vollständig durch eine einzige Übersetzung oder eine einzige Frage erklären.

Entscheidend ist die Konstruktion und die Beziehung, die innerhalb dieser Konstruktion ausgedrückt wird.

Ein besonders wichtiger Fall: sich einer Sache bewusst sein

Betrachten wir:

sich einer Sache bewusst sein

Manchmal wird eine solche Struktur als:

bewusst + Genitiv

gelernt.

Das ist jedoch bereits eine Verkürzung.

Das Reflexivpronomen sich gehört strukturell zur Konstruktion.

Deshalb ist es präziser, die vollständige Form zu lernen:

sich einer Sache bewusst sein

statt lediglich:

bewusst + Genitiv.

Gerade dieses Beispiel zeigt die Grenzen des Modells „Wort + Kasus“.

Als Merkhilfe kann es nützlich sein. Es bildet aber nicht immer die vollständige grammatische Struktur ab.

Grammatisch korrekt bedeutet nicht automatisch in jeder Situation neutral

Einige Adjektivkonstruktionen mit Genitiv sind vollständig grammatisch, ohne deshalb im alltäglichen gesprochenen Deutsch besonders häufig zu sein.

Bestimmte Konstruktionen begegnen uns häufiger in:

✔ geschriebener Sprache
✔ formelleren Registern
✔ Literatur
✔ journalistischen Texten
✔ akademischen und offiziellen Kontexten
✔ festen oder teilweise festen Wendungen
✔ stilistisch gehobener Sprache

Deshalb müssen mindestens zwei Fragen unterschieden werden:

Kann man das grammatisch so sagen?

und:

Wie natürlich ist diese Formulierung gerade in dieser Situation?

Das ist nicht dasselbe.

Eine Konstruktion kann standardsprachlich korrekt und für Muttersprachler völlig verständlich sein und zugleich formell, schriftsprachlich, gehoben oder anderweitig stilistisch markiert wirken.

Traditionell bedeutet nicht automatisch „veraltet“

Hier droht leicht das entgegengesetzte Missverständnis.

Wenn eine Konstruktion in alltäglichen Gesprächen relativ selten vorkommt, wird sie schnell als „altes Deutsch“ bezeichnet.

Doch Sprachgebrauch ist differenzierter.

Eine Konstruktion kann:

weiterhin zum modernen Deutsch gehören, aber auf bestimmte Register beschränkt sein;

in festen Wendungen erhalten bleiben;

in der Schriftsprache häufiger auftreten;

nur in bestimmten Kontexten produktiv sein;

von wesentlich mehr Menschen problemlos verstanden als aktiv verwendet werden.

Die interessantere Frage lautet daher nicht nur:

„Ist diese Konstruktion modern oder veraltet?“

sondern:

„Wo, von wem und in welchen Situationen wird sie heute verwendet?“

Eine Konstruktion verstehen und sie aktiv verwenden sind unterschiedliche Fähigkeiten

Russischsprachige Deutschlernende müssen nicht jede neu gelernte Genitivkonstruktion sofort aktiv in alltägliche Gespräche einbauen.

Zunächst ist es wichtig:

sie zu erkennen;
ihre Bedeutung zu verstehen;
die grammatische Beziehung zu erkennen;
ihr Register wahrzunehmen;
zu verstehen, in welchen Kontexten sie natürlich ist.

Erst danach stellt sich die Frage, ob die Konstruktion auch für den eigenen aktiven Sprachgebrauch relevant ist.

Hier müssen mehrere Kompetenzebenen unterschieden werden:

eine Regel kennen, eine Struktur verstehen und sie situationsgerecht verwenden können.

Auch der Vergleich mit dem Russischen erfordert Präzision

Das Russische besitzt ebenfalls ein ausgeprägtes Kasussystem. Die Grundidee der Kasusrektion ist für russischsprachige Lernende daher keineswegs fremd.

Das bedeutet jedoch nicht, dass deutsche und russische Konstruktionen automatisch übereinstimmen.

Dass beide Sprachen einen Genitiv besitzen, erzeugt keine Eins-zu-eins-Entsprechung:

russischer Genitiv ≠ deutscher Genitiv in jeder Konstruktion.

Sprachen können ähnliche grammatische Kategorien für unterschiedliche Beziehungen verwenden und vergleichbare Bedeutungen grammatisch unterschiedlich organisieren.

Die Übertragung eines russischen Musters auf das Deutsche kann deshalb manchmal helfen – und manchmal gerade zu einer falschen Erwartung führen.

Sprachvergleich wird besonders nützlich, wenn wir nicht nur Formen, sondern vollständige Konstruktionen und ihre Funktionen vergleichen.

Diese Konstruktionen beweisen keinen besonderen „deutschen Denkstil“

Grammatische Besonderheiten werden gelegentlich unmittelbar in Aussagen über die Denkweise einer ganzen Sprachgemeinschaft umgewandelt.

Zum Beispiel:

„Das Deutsche verwendet diese Struktur, also denken Deutsche auf diese Weise.“

Das wäre eine zu starke Schlussfolgerung.

Die Beziehung zwischen Sprache und Denken ist ein ernstes wissenschaftliches Forschungsfeld, aber wesentlich komplexer als eine Gleichung nach dem Muster:

Grammatik = nationale Denkweise.

Aus den Genitivkonstruktionen lässt sich eine präzisere Aussage ableiten:

Sie zeigen, wie das Deutsche bestimmte Bedeutungen und grammatische Beziehungen organisiert.

Das ist bereits sprachwissenschaftlich interessant – und für das tatsächliche Verständnis deutscher Grammatik wesentlich hilfreicher als eine direkte psychologische Interpretation grammatischer Formen.

Wie sollte man solche Konstruktionen lernen?

Nicht nur:

würdig + Genitiv

sondern:

einer Sache würdig sein

Nicht nur:

mächtig + Genitiv

sondern:

einer Sache mächtig sein

Nicht nur:

bewusst + Genitiv

sondern:

sich einer Sache bewusst sein

Und bei jeder Konstruktion lohnt es sich, mehrere Fragen zu stellen:

Was bedeutet sie?

Wie ist sie aufgebaut?

Welche Beziehung wird durch den Genitiv ausgedrückt?

Zu welchem Register gehört sie?

Wie typisch ist sie für den heutigen Sprachgebrauch?

Muss ich sie nur verstehen oder auch selbst aktiv verwenden können?

Dann wird Grammatik nicht mehr zu einer Liste isolierter Anforderungen, sondern zu einem System von Beziehungen.

Diese Videolektion behandelt

✔ verständliche Erklärungen von Adjektivkonstruktionen mit Genitiv
✔ Bedeutung jenseits der Formel „Wort + Kasus“
des Preises würdig und weitere authentische Beispiele
der deutschen Sprache mächtig und die Bedeutung der vollständigen Konstruktion
✔ den Unterschied zwischen Wortbedeutung und Konstruktionsbedeutung
✔ traditionelle und moderne Gebrauchsmuster
✔ den Unterschied zwischen grammatischer Korrektheit und stilistischer Neutralität
✔ die Rolle des Registers im tatsächlichen deutschen Sprachgebrauch
✔ den Vergleich deutscher und russischer Kasusstrukturen ohne mechanische Übertragung
✔ den Genitiv als Teil eines Systems grammatischer Beziehungen
✔ das Lernen vollständiger Konstruktionen statt isolierter Kasusregeln

Statt bei:

„Dieses Adjektiv verlangt den Genitiv“

stehen zu bleiben, lohnt es sich weiterzugehen:

Form → Konstruktion → Bedeutung → Beziehung → Register → tatsächlicher Gebrauch.

Dann lernen wir nicht mehr nur eine Regel.

Wir beginnen zu verstehen, wie die konkrete Konstruktion im Deutschen tatsächlich funktioniert.

Vollständigen Artikel lesen

„Adjectives That Still Govern the Genitive — and What They Really Mean“ — LANGUAGE SCHOOL by TYMUR LEVITIN


Autor: Tymur Levitin — Gründer und Direktor, Levitin Language School / Language Learnings

© Tymur Levitin