Manche deutschen Konstruktionen mit Adjektiven und Genitiv können auf den ersten Blick altmodisch wirken.

In Wirklichkeit ist die Situation wesentlich differenzierter.

Ein Teil dieser Konstruktionen gehört weiterhin zum modernen Deutsch. Wie häufig und wie natürlich sie verwendet werden, hängt jedoch von der konkreten Konstruktion, dem Register, der Situation und der jeweiligen Kommunikationsform ab. Manche begegnen uns häufiger in geschriebener, formeller, akademischer oder publizistischer Sprache, andere sind vor allem in festen oder teilweise festen Wendungen erhalten.

Deshalb reicht es nicht, einfach zu lernen:

Adjektiv + Genitiv

Entscheidend ist vielmehr zu verstehen:

Was bedeutet die gesamte Konstruktion, welche grammatische und semantische Beziehung drückt sie aus und in welchen Kontexten wird sie tatsächlich verwendet?

Diese Videolektion wird auf Spanisch vermittelt und richtet sich an spanischsprachige Deutschlernende.

Beim Genitiv geht es nicht nur um Endungen

Beim Lernen des deutschen Genitivs richtet sich die Aufmerksamkeit häufig zunächst auf Formen wie:

des Mannes
der Frau
des Kindes

Diese Formen zu kennen ist notwendig.

Die Endungen allein erklären jedoch noch nicht, warum gerade in einer bestimmten Konstruktion der Genitiv erscheint.

Deshalb sollte man nicht nur fragen:

„Welche Endung brauche ich hier?“

sondern auch:

„Warum steht hier der Genitiv?“

„Welche Beziehung hilft er auszudrücken?“

„Was bedeutet die gesamte Konstruktion?“

„Zu welchem Register gehört sie?“

An diesem Punkt beginnt Grammatikverständnis, das über das bloße Auswendiglernen von Formen hinausgeht.

des Preises würdig

Betrachten wir:

Er ist des Preises würdig.

Dahinter steht die Konstruktion:

einer Sache würdig sein

also:

etwas verdienen / einer Sache würdig sein.

Zum Beispiel:

Er ist des Preises würdig.

Hier ist des Preises nicht einfach ein weiteres Beispiel für eine Genitivform.

Dieser Bestandteil steht innerhalb einer bestimmten Konstruktion in einer syntaktischen und semantischen Beziehung zu würdig.

Deshalb kann die Formel:

würdig + Genitiv

als kurze Lernhilfe durchaus nützlich sein.

Das vollständige Muster:

einer Sache würdig sein

liefert jedoch wesentlich mehr, weil dabei nicht nur der Kasus, sondern zugleich Struktur und Bedeutung gelernt werden.

der deutschen Sprache mächtig

Ein weiteres Beispiel:

Er ist der deutschen Sprache mächtig.

Wer mächtig nur in Bedeutungen wie „stark“ oder „einflussreich“ kennt, kann dieses Beispiel nicht allein über die isolierte Wortbedeutung erschließen.

In der Konstruktion:

einer Sache mächtig sein

kann es bedeuten:

etwas beherrschen / über etwas verfügen / kompetent mit etwas umgehen können.

Daher bedeutet:

Er ist der deutschen Sprache mächtig.

ungefähr:

Er beherrscht die deutsche Sprache.

Dieses Beispiel zeigt einen grundlegenden Punkt:

Die Bedeutung eines einzelnen Wortes ist nicht immer mit der Bedeutung der gesamten Konstruktion identisch.

Genau deshalb reicht es nicht aus, nur ein Adjektiv und den dazugehörigen Kasus zu lernen.

Was bedeutet eigentlich „ein Adjektiv regiert den Genitiv“?

Die Formulierung:

„Dieses Adjektiv verlangt den Genitiv“

ist eine praktische didaktische Kurzform.

Präziser gesagt steht in einer bestimmten Konstruktion ein vom Adjektiv syntaktisch und semantisch abhängiges Komplement im Genitiv.

Zum Beispiel:

einer Sache würdig sein
einer Sache mächtig sein
einer Sache gewiss sein

Das gehört zum größeren grammatischen Phänomen der Rektion.

Im Deutschen können nicht nur Verben oder Präpositionen den Kasus eines abhängigen Elements bestimmen. Auch bestimmte Adjektivkonstruktionen sehen für ihr Komplement einen bestimmten Kasus vor.

Deshalb ist es häufig effektiver, statt des isolierten Schemas:

Wort + Kasus

Folgendes zu lernen:

vollständige Konstruktion + Bedeutung + tatsächlicher Gebrauch.

Der Genitiv bedeutet nicht nur Besitz oder Zugehörigkeit

Eine der häufigsten Lernassoziationen lautet:

Genitiv = Besitz / Zugehörigkeit / „wessen?“

Diese Vorstellung ist in bestimmten Zusammenhängen hilfreich, beschreibt aber keineswegs alle Funktionen des Genitivs.

Vergleichen wir:

das Auto des Mannes

mit:

des Preises würdig sein

und:

der deutschen Sprache mächtig sein.

In allen drei Beispielen erscheint der Genitiv, doch die Beziehungen zwischen den jeweiligen Elementen sind unterschiedlich.

Einen Kasus versteht man deshalb besser nicht über eine einzige universelle Frage oder Übersetzung, sondern über die konkrete Konstruktion und die Funktion, die der Kasus darin erfüllt.

Ein wichtiger Fall: sich einer Sache bewusst sein

Betrachten wir noch eine Konstruktion:

sich einer Sache bewusst sein

Manchmal wird sie vereinfacht als:

bewusst + Genitiv

gelernt.

Dieses Modell ist jedoch unvollständig.

Das Reflexivpronomen sich gehört strukturell zur gesamten Konstruktion.

Deshalb ist es präziser, die vollständige Form:

sich einer Sache bewusst sein

zu lernen und nicht lediglich:

bewusst + Genitiv.

Dieses Beispiel zeigt deutlich, warum das mechanische Schema „Wort + Kasus“ manchmal einen Teil der tatsächlichen grammatischen Struktur verdeckt.

Grammatisch korrekt bedeutet nicht automatisch stilistisch neutral

Einige Adjektivkonstruktionen mit Genitiv sind vollkommen grammatisch, ohne deshalb im alltäglichen gesprochenen Deutsch besonders häufig zu sein.

Bestimmte Konstruktionen sind vor allem charakteristisch für:

✔ geschriebene Sprache
✔ formellere Register
✔ Literatur
✔ journalistische und publizistische Texte
✔ akademische und offizielle Kommunikation
✔ feste oder teilweise feste Wendungen
✔ stilistisch gehobene Sprache

Deshalb muss man zwei unterschiedliche Fragen auseinanderhalten:

„Kann man das grammatisch so sagen?“

und:

„Klingt diese Formulierung gerade in dieser Situation natürlich?“

Das ist nicht dasselbe.

Eine Konstruktion kann standardsprachlich korrekt und für Muttersprachler problemlos verständlich sein und zugleich formell, schriftsprachlich, gehoben oder auf andere Weise stilistisch markiert wirken.

Traditionell bedeutet nicht automatisch „veraltet“

Auch der umgekehrte Fehler ist möglich.

Wenn eine Konstruktion in alltäglichen Gesprächen relativ selten vorkommt, wird sie manchmal vorschnell als „altes Deutsch“ bezeichnet.

Tatsächlich kann eine Konstruktion:

weiterhin zum modernen Deutsch gehören, aber hauptsächlich in bestimmten Registern vorkommen;

in festen Wendungen erhalten bleiben;

in der Schriftsprache häufiger sein als in der gesprochenen Sprache;

nur in bestimmten Kontexten produktiv bleiben;

von Muttersprachlern ohne Schwierigkeiten verstanden werden, obwohl sie selbst sie nur selten aktiv verwenden.

Deshalb lautet die präzisere Frage nicht nur:

„Ist diese Konstruktion modern oder veraltet?“

sondern:

„Wo, von wem und in welchen Situationen wird sie heute tatsächlich verwendet?“

Eine Konstruktion verstehen und sie aktiv verwenden sind unterschiedliche Kompetenzen

Nicht jede Genitivkonstruktion, die ein Lernender erkennt, muss sofort in die eigene Alltagssprache übernommen werden.

Zunächst ist es wichtig:

sie zu erkennen;
ihre Bedeutung zu verstehen;
die grammatische Beziehung zu erkennen;
ihr Register wahrzunehmen;
zu verstehen, in welchen Situationen sie natürlich wirkt.

Erst danach stellt sich die Frage, ob diese Konstruktion auch für den eigenen aktiven Sprachgebrauch relevant ist.

Deshalb gilt:

eine Regel kennen ≠ eine Konstruktion verstehen ≠ sie in einer realen Situation angemessen verwenden können.

Das sind unterschiedliche Ebenen sprachlicher Kompetenz.

Auch der Vergleich mit dem Spanischen muss präzise sein

Für spanischsprachige Lernende kann das deutsche Kasussystem besonders ungewohnt sein, weil das moderne Spanisch Nominalgruppen nicht mit demselben morphologischen Kasussystem organisiert wie das Deutsche.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Bedeutungen und Beziehungen, die im Deutschen durch den Genitiv oder durch Kasusrektion ausgedrückt werden, im Spanischen fehlen.

Das Spanische kann vergleichbare Beziehungen mit anderen grammatischen Mitteln ausdrücken — beispielsweise durch Präpositionalkonstruktionen.

Deshalb ist es hilfreicher, nicht einzelne Endungen miteinander zu vergleichen, sondern:

Bedeutung → Beziehung → Konstruktion → grammatische Realisierung in der jeweiligen Sprache.

Ein solcher Vergleich verhindert die mechanische Suche nach einem „spanischen Genitiv“ dort, wo beide Sprachen eine ähnliche Bedeutung einfach mit unterschiedlichen grammatischen Mitteln organisieren.

Diese Konstruktionen beweisen keinen besonderen „deutschen Denkstil“

Grammatische Eigenschaften einer Sprache werden manchmal zu schnell in Aussagen über die Denkweise einer gesamten Sprachgemeinschaft verwandelt:

„Das Deutsche baut diese Konstruktion so auf – also denken Deutsche auf diese Weise.“

Das wäre eine zu weitreichende Verallgemeinerung.

Der Zusammenhang zwischen Sprache und Denken ist tatsächlich ein ernstes wissenschaftliches Forschungsgebiet. Er ist jedoch wesentlich komplexer als die Formel:

Grammatik = nationale Denkweise.

Aus diesen Genitivkonstruktionen lässt sich eine präzisere Aussage ableiten:

Sie zeigen, wie das Deutsche bestimmte Bedeutungen und Beziehungen grammatisch organisiert.

Das reicht bereits aus, um die Systematik der Grammatik zu erkennen, ohne daraus unbegründete psychologische Verallgemeinerungen abzuleiten.

Wie sollte man solche Konstruktionen lernen?

Nicht nur:

würdig + Genitiv

sondern:

einer Sache würdig sein

Nicht nur:

mächtig + Genitiv

sondern:

einer Sache mächtig sein

Nicht nur:

bewusst + Genitiv

sondern:

sich einer Sache bewusst sein

Und bei jeder Konstruktion sollte man mehrere Fragen stellen:

Was bedeutet sie?

Wie ist sie aufgebaut?

Welche Beziehung drückt der Genitiv hier aus?

Zu welchem Register gehört sie?

Wie wird sie im heutigen Deutsch tatsächlich verwendet?

Muss ich sie nur verstehen oder auch selbst aktiv verwenden können?

So hört Grammatik auf, eine Sammlung isolierter Regeln zum mechanischen Auswendiglernen zu sein.

Sie wird zu einem System miteinander verbundener Formen, Konstruktionen, Bedeutungen und Beziehungen.

Diese Videolektion behandelt

✔ deutsche Adjektivkonstruktionen mit Genitiv
✔ eine verständliche Erklärung der Funktion des Genitivs
✔ Bedeutung statt mechanischen Auswendiglernens
des Preises würdig und weitere authentische deutsche Beispiele
der deutschen Sprache mächtig und die Bedeutung der vollständigen Konstruktion
✔ den Unterschied zwischen Wortbedeutung und Konstruktionsbedeutung
✔ traditionellen und modernen Sprachgebrauch
✔ den Unterschied zwischen grammatischer Korrektheit und stilistischer Neutralität
✔ die Rolle des Registers im tatsächlichen Sprachgebrauch
✔ den Vergleich deutscher Konstruktionen mit spanischen Möglichkeiten, ähnliche Beziehungen auszudrücken
✔ praktisches Verständnis statt mechanischen Auswendiglernens

Statt bei:

„Dieses Adjektiv verlangt den Genitiv“

stehen zu bleiben, lohnt es sich, den gesamten Weg zu betrachten:

Form → Konstruktion → Bedeutung → Beziehung → Register → tatsächlicher Gebrauch.

Dann lernen wir nicht einfach noch eine grammatische Regel auswendig.

Wir beginnen zu verstehen, wie eine konkrete grammatische Konstruktion im Deutschen tatsächlich funktioniert.

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„Adjectives That Still Govern the Genitive — and What They Really Mean“ — LANGUAGE SCHOOL by TYMUR LEVITIN


Autor: Tymur Levitin — Gründer und Direktor, Levitin Language School / Language Learnings

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