Warum sagt man in Österreich Marille, während in Deutschland normalerweise Aprikose verwendet wird?
Diese kurze Videolektion wird auf Englisch vermittelt und richtet sich an englischsprachige Deutschlernende. Anhand einer einzigen Frucht untersuchen wir ein wesentlich größeres sprachliches Phänomen: wie regionaler Wortschatz geografische Herkunft, kulturelle Zugehörigkeit und sprachliche Identität innerhalb des deutschsprachigen Raums widerspiegeln kann.
Marille und Aprikose bezeichnen dieselbe Frucht. Die Wahl zwischen diesen beiden Wörtern kann einem Hörer jedoch unmittelbar etwas über den sprachlichen Raum signalisieren, mit dem ein Sprecher verbunden ist.
Marille und Aprikose: Was ist der Unterschied?
In Österreich ist Marille eine völlig normale und standardsprachliche Bezeichnung.
In Deutschland ist Aprikose wesentlich üblicher.
Es handelt sich daher nicht einfach um zwei Synonyme, die man mechanisch als überall vollständig austauschbare Wörter lernen sollte.
Sie gehören zu unterschiedlichen regionalen Ausprägungen des Deutschen.
Diese Unterscheidung ist wichtig: Österreichisches Deutsch ist weder „falsches Deutsch“ noch lediglich eine Ansammlung dialektaler Wörter. Österreich verfügt über eine eigene nationale Standardvarietät des Deutschen, deren Wortschatz sich in bestimmten Bereichen systematisch vom in Deutschland üblichen Sprachgebrauch unterscheidet.
Österreichisches Deutsch und Standarddeutsch: terminologisch genauer
Die Formulierung „Austrian German vs Standard German“ kann als Suchbegriff nützlich sein, ist sprachwissenschaftlich jedoch zu vereinfachend.
Denn auch österreichisches Deutsch besitzt eine Standardvarietät.
Präziser ist es daher, das österreichische Standarddeutsch mit den in Deutschland gebräuchlichen Standardvarietäten beziehungsweise standardsprachlichen Gebrauchsformen zu vergleichen.
Dahinter steht ein grundlegenderes Prinzip:
Die deutsche Sprache gehört nicht nur einem einzigen Land und besitzt nicht nur ein einziges Zentrum sprachlicher Normierung.
Deutsch ist eine plurizentrische Sprache. Standardsprachliche Normen und regional markierter Wortschatz können sich zwischen Österreich, Deutschland, der Schweiz und anderen deutschsprachigen Räumen unterscheiden.
Wie ein einziges Wort regionale Zugehörigkeit signalisieren kann
Wenn jemand Marille statt Aprikose sagt, kann ein Muttersprachler diese Wortwahl sehr schnell mit Österreich verbinden.
Das bedeutet nicht, dass man anhand eines einzigen Wortes die Herkunft einer bestimmten Person zuverlässig bestimmen kann.
Menschen ziehen um, leben in unterschiedlichen Regionen, übernehmen Wörter aus anderen Varietäten und verändern ihren persönlichen Sprachgebrauch.
Regional markierte Wörter können trotzdem starke soziolinguistische Signale sein.
Wortschatz vermittelt also nicht nur:
„Was bedeutet das?“
Er kann zusätzlich Hinweise darauf geben:
„Wo sagt man das typischerweise?“
„Mit welcher regionalen Norm ist diese Form verbunden?“
„Welcher sprachliche Raum könnte hinter dieser Wortwahl stehen?“
Wie regionaler Wortschatz die Wahrnehmung verändert
Zwei Wörter können denselben Gegenstand bezeichnen und trotzdem aus sozialer oder regionaler Perspektive nicht vollkommen gleich wirken.
Genau deshalb reicht eine Wörterbuchübersetzung nicht immer aus.
Ein Lernender kann wissen:
Marille = Aprikose = apricot
und trotzdem nicht verstehen, warum in einem bestimmten Geschäft, auf einer Speisekarte, in einem Rezept oder in einem Gespräch ein Wort völlig erwartbar klingt, während das andere unmittelbar eine andere regionale Varietät erkennen lässt.
Hier geht es nicht mehr ausschließlich um lexikalische Semantik.
Es geht auch um Sprachvariation, Soziolinguistik und kulturellen Kontext.
Warum Muttersprachler solche Wörter sofort erkennen
Für Menschen, die in einem bestimmten sprachlichen Umfeld aufgewachsen sind, werden viele regionale Marker nahezu automatisch erkannt.
Ein Muttersprachler denkt nicht unbedingt bewusst:
„Das ist eine lexikalische Einheit des österreichischen Standarddeutschen.“
Er hört möglicherweise einfach Marille – und verbindet das Wort unmittelbar mit Österreich.
So funktioniert sprachliche Erfahrung: Viele soziale und regionale Signale werden verarbeitet, bevor ein Sprecher überhaupt eine explizite Regel dazu formuliert.
Deshalb bedeutet echte Sprachkompetenz nicht nur, einen grammatisch korrekten Satz bilden zu können.
Sie bedeutet auch, zu erkennen, welche zusätzlichen Informationen eine bestimmte Wortwahl über Situation, Region und sprachlichen Hintergrund vermitteln kann.
Lehrbuchdeutsch und reale sprachliche Variation
Ein Lehrbuch muss Lernenden zunächst ein stabiles und übersichtliches System vermitteln.
Dadurch kann jedoch gerade auf den ersten Lernstufen der Eindruck entstehen, für jeden Begriff gebe es genau eine „richtige“ deutsche Entsprechung.
Die sprachliche Realität ist wesentlich vielfältiger.
Die Wortwahl kann beeinflusst werden durch:
✔ Land
✔ Region
✔ Generation
✔ soziales Umfeld
✔ Kommunikationssituation
✔ Register
✔ beruflichen Kontext
✔ individuelle Sprachbiografie
Deutschlernen endet deshalb nicht mit dem Auswendiglernen einer Wortpaarung wie:
apricot — Aprikose
Die nächste Kompetenzstufe besteht darin, in Österreich Marille zu hören oder zu lesen und nicht nur zu verstehen, was das Wort bedeutet, sondern auch warum gerade dieses Wort in diesem sprachlichen Umfeld natürlich ist.
Authentische Beispiele aus Deutschland und Österreich
In dieser Lektion hörst du außerdem authentische Beispiele aus Deutschland und Österreich.
Sie zeigen, dass regionale Variation keine abstrakte sprachwissenschaftliche Theorie ist.
Sie begegnet uns im Alltag:
✔ in Geschäften
✔ in Rezepten
✔ auf Speisekarten
✔ in alltäglichen Gesprächen
✔ in den Medien
✔ bei ganz gewöhnlichen Wortentscheidungen
Gerade solche Details verwandeln reines Sprachwissen nach und nach in die Fähigkeit, sich in einem realen deutschsprachigen Umfeld sprachlich zu orientieren.
In dieser Lektion lernst du
✔ worin der Unterschied zwischen Marille und Aprikose besteht
✔ warum Marille vor allem mit Österreich verbunden wird
✔ wie österreichisches Deutsch zu anderen Standardvarietäten des Deutschen steht
✔ wie regionaler Wortschatz die Wahrnehmung einer Äußerung beeinflusst
✔ warum Muttersprachler regional markierte Wörter häufig sehr schnell erkennen
✔ wie Wortwahl sprachliche und kulturelle Zugehörigkeit signalisieren kann
✔ wie sich reale Sprachvariation von einem vereinfachten Lehrbuchmodell unterscheidet
✔ warum fortgeschrittene Sprachkompetenz nicht nur Grammatik und Wortschatz, sondern auch kulturelle und soziolinguistische Kompetenz umfasst
Diese Lektion eignet sich besonders für Lernende, die sich für deutschen Wortschatz, österreichisches Deutsch, regionale Varianten des Deutschen, authentische gesprochene Sprache, deutschsprachige Kultur und ein tieferes Verständnis sprachlicher Variation interessieren.
Ein Wort zu lernen bedeutet nicht nur zu wissen, was es bedeutet.
Es bedeutet auch zu verstehen, wer es wo, wann und in welchem sprachlichen Umfeld selbstverständlich verwendet.
Vollständigen Artikel lesen:
https://levitintymur.com/interesting-information/marille-vs-aprikose-one-fruit-two-names/
Deutsch durch reale Kommunikation und kulturelle Logik lernen:
https://levitintymur.com/languages/learning-german/
https://languagelearnings.com/german/
Autor: Tymur Levitin — Gründer und Direktor der Levitin Language School / Language Learnings
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