Warum sagt man in Österreich Marille, während in Deutschland normalerweise Aprikose verwendet wird?
Diese kurze Videolektion wird auf Ukrainisch vermittelt und richtet sich an ukrainischsprachige Deutschlernende auf dem Niveau A2–B2.
Anhand von nur zwei Wörtern zeigt die Lektion, dass Wortschatzlernen nicht einfach darin besteht, einem ukrainischen Wort eine deutsche Übersetzung zuzuordnen. Die Wahl eines Wortes kann mit einem Land, einer Region, einer sprachlichen Norm, einem kulturellen Umfeld und mit der Wahrnehmung einer Äußerung durch andere Menschen zusammenhängen.
Marille und Aprikose bezeichnen dieselbe Frucht:
Marille = Aprikose = абрикос.
Ihr typischer Gebrauch unterscheidet sich jedoch.
Marille oder Aprikose: Was ist der Unterschied?
In Österreich ist Marille ein ganz gewöhnliches, natürliches und standardsprachlich anerkanntes Wort. Es gehört unter anderem zum österreichischen Standarddeutsch.
In Deutschland ist Aprikose die wesentlich verbreitetere standardsprachliche Bezeichnung.
Deshalb reicht es nicht, lediglich zu lernen:
абрикос → Aprikose
Für ein tieferes Verständnis des Deutschen ist es sinnvoll, schrittweise ein umfassenderes Modell aufzubauen:
абрикос → Aprikose / Marille → Region → sprachliche Norm → Verwendungskontext.
So wird Wortschatz von einer Sammlung einzelner Übersetzungen zu einem System tatsächlichen Sprachwissens.
Österreichisches Deutsch ist kein „falsches Standarddeutsch“
Die Formulierung „Austrian German vs Standard German“ muss sprachwissenschaftlich präzisiert werden.
Österreichisches Deutsch ist nicht einfach eine dialektale oder fehlerhafte Abweichung vom Deutsch Deutschlands.
Deutsch ist eine plurizentrische Sprache. Es verfügt über nationale Standardvarietäten, insbesondere in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Diese Varietäten besitzen eine sehr große gemeinsame sprachliche Grundlage. Einzelne Bereiche können sich jedoch unterscheiden, zum Beispiel:
✔ Wortschatz
✔ Aussprache
✔ bestimmte grammatische Erscheinungen
✔ feste Wendungen
✔ Alltags- und Verwaltungsterminologie
✔ regionale Gebrauchsnormen
Marille ist ein gutes Beispiel für ein Wort, das nicht zu Aprikose „korrigiert“ werden muss, nur weil ein Lernender zunächst die in Deutschland übliche Variante kennengelernt hat.
Regionaler Wortschatz im wirklichen Sprachgebrauch
Vergleichen wir:
Ich esse eine Aprikose.
Ich esse eine Marille.
Auf der Ebene des grundlegenden Sachinhalts besteht praktisch kein Unterschied: In beiden Fällen isst jemand dieselbe Frucht.
Für einen Muttersprachler kann die Wortwahl jedoch zusätzliche Informationen über das sprachliche Umfeld transportieren.
Marille wird stark mit Österreich assoziiert.
Aprikose ist für den Sprachgebrauch in Deutschland wesentlich typischer.
Ein Wort kann somit gleichzeitig mindestens zwei Arten von Information vermitteln:
semantische Information — worüber gesprochen wird;
soziolinguistische Information — wo und in welchem sprachlichen Umfeld eine bestimmte Form typisch ist.
Gerade diese zweite Ebene fehlt häufig, wenn Wortschatz ausschließlich über Übersetzungsäquivalente gelernt wird.
Wie Wörter regionale Zugehörigkeit signalisieren können
Regionaler Wortschatz ist Teil der langfristigen Spracherfahrung eines Menschen.
Über Jahre hinweg hört man bestimmte Formen in der Familie, in der Schule, in Geschäften, Medien, Restaurants, am Arbeitsplatz und in alltäglichen Gesprächen.
Deshalb können bestimmte Wörter sehr schnell regionale Assoziationen aktivieren.
Ein deutscher Muttersprachler kann Marille hören und das Wort beinahe automatisch mit Österreich verbinden.
Diese Tendenz darf jedoch nicht zu einer absoluten Regel gemacht werden.
Ein regionales Sprachsignal ist kein sprachlicher Reisepass.
Menschen ziehen um, leben in verschiedenen Ländern, übernehmen Wörter aus anderen Regionen, verändern ihre Sprachgewohnheiten und passen ihre Ausdrucksweise an ihre Gesprächspartner an.
Ein Wort kann daher auf ein bestimmtes sprachliches Umfeld hinweisen, erlaubt aber keine fehlerfreie Bestimmung der Herkunft einer konkreten Person.
Erzeugt Sprache wirklich „Identität“?
Präziser ist die Aussage, dass sprachliche Entscheidungen an der Konstruktion, dem Ausdruck und der Wahrnehmung von Identität beteiligt sein können.
Menschen verwenden bestimmte Wörter möglicherweise deshalb, weil sie:
✔ in einer bestimmten Region aufgewachsen sind
✔ zu einer bestimmten Sprachgemeinschaft gehören
✔ an eine bestimmte nationale Standardvarietät gewöhnt sind
✔ lokale sprachliche Merkmale bewusst bewahren
✔ sich an ein neues sprachliches Umfeld anpassen
Regionaler Wortschatz ist deshalb nicht bloß die Geografie einzelner Wörter.
Er kann mit Kultur, sprachlicher Biografie, Gruppenzugehörigkeit und der Art zusammenhängen, wie sich eine Person kommunikativ positioniert.
Warum Muttersprachler solche Signale so schnell erkennen
Das Erkennen eines regionalen Wortes erfordert bei Muttersprachlern häufig keine bewusste Analyse.
Eine Person denkt nicht unbedingt:
„Das ist eine lexikalische Einheit des österreichischen Standarddeutschen.“
Sie hört einfach Marille, und ihre bisherige Spracherfahrung aktiviert automatisch bestimmte Assoziationen.
Das ist einer der Gründe, warum tatsächliche Sprachkompetenz nicht auf Grammatikregeln und Übersetzungsäquivalente reduziert werden kann.
Wir entschlüsseln nicht nur Bedeutungen.
Wir interpretieren ständig auch die Auswahl sprachlicher Mittel.
Eine besondere Perspektive für ukrainischsprachige Lernende
Beim Deutschlernen entsteht leicht ein einfaches System:
ukrainisches Wort → deutsches Äquivalent
Zum Beispiel:
абрикос → Aprikose
Auf den ersten Lernstufen ist dieses Modell vollkommen sinnvoll. Es reduziert die kognitive Belastung und ermöglicht den schnellen Aufbau eines Grundwortschatzes.
Mit zunehmender Sprachkompetenz reicht es jedoch nicht mehr aus.
Das Modell erweitert sich zunächst zu:
абрикос → Aprikose / Marille
und anschließend zu:
абрикос → Aprikose / Marille + Land + Region + Norm + Situation + Wahrnehmung.
Der Lernende kennt dann nicht nur die Übersetzung eines Wortes, sondern zunehmend auch seine sprachliche Ökologie.
Ein Wort kennen heißt mehr, als seine Übersetzung zu kennen
Zu einer umfassenden Wortkenntnis gehört nach und nach auch das Verständnis dafür:
✔ was das Wort bedeutet
✔ wo es typischerweise verwendet wird
✔ für wen es natürlich klingt
✔ ob es neutral, regional oder stilistisch markiert ist
✔ welche Alternativen in anderen Teilen des deutschsprachigen Raums existieren
✔ welche Assoziationen es auslösen kann
✔ wann es sinnvoll ist, das Wort aktiv zu verwenden, und wann sicheres Erkennen und Verstehen ausreichen
Viele Wörter zu kennen und über einen tief entwickelten Wortschatz zu verfügen, ist deshalb nicht dasselbe.
Lehrbuchdeutsch und reale sprachliche Variation
Lehrbuchdeutsch ist kein „unechtes Deutsch“.
Ein Lehrwerk muss Lernenden zunächst ein stabiles System vermitteln und reduziert deshalb zwangsläufig einen Teil der tatsächlichen sprachlichen Variation.
Es ist nicht möglich, mit jedem neuen Wort sofort sämtliche nationalen, regionalen, sozialen und stilistischen Besonderheiten zu lernen.
Später muss dieses Modell jedoch erweitert werden.
Deutsch wird in unterschiedlichen Ländern, Regionen, Generationen sowie beruflichen und sozialen Milieus verwendet.
Die Wahl eines Wortes kann unter anderem beeinflusst werden durch:
✔ Land und Region
✔ Generation
✔ soziales Umfeld
✔ Kommunikationssituation
✔ Register
✔ beruflichen Kontext
✔ sprachliche Biografie
Der Übergang vom Lehrbuch zur realen Kommunikation bedeutet deshalb nicht, das bereits Gelernte zu verwerfen.
Er bedeutet, das eigene Sprachmodell zu erweitern.
In dieser Lektion lernst du
✔ worin der Unterschied zwischen Marille und Aprikose besteht
✔ warum Marille in Österreich ganz natürlich verwendet wird
✔ warum Aprikose in Deutschland wesentlich häufiger ist
✔ warum österreichisches Deutsch eine eigene Standardvarietät besitzt
✔ was es bedeutet, dass Deutsch eine plurizentrische Sprache ist
✔ wie regionaler Wortschatz in realer Kommunikation funktioniert
✔ wie die Wahl eines Wortes auf ein bestimmtes sprachliches Umfeld hinweisen kann
✔ warum Muttersprachler regionale Marker häufig sehr schnell erkennen
✔ warum ein einzelnes regionales Merkmal die Herkunft einer Person nicht zuverlässig bestimmt
✔ wie sprachliche Entscheidungen mit Identität und Zugehörigkeit zusammenhängen können
✔ warum eine bekannte Übersetzung noch keine vollständige Wortkenntnis bedeutet
✔ wie sich tatsächliche Sprachkompetenz vom bloßen Auswendiglernen von Wortschatz unterscheidet
Diese Lektion hilft dabei, von einem einfachen Modell:
„Wort → Übersetzung“
zu einem wesentlich präziseren Modell überzugehen:
„Wort → Bedeutung → Region → Norm → Kontext → Gebrauch → Wahrnehmung“.
Denn ein deutsches Wort wirklich zu kennen bedeutet nicht nur zu wissen, was es auf Ukrainisch bedeutet.
Es bedeutet auch zu verstehen, wer dieses Wort wo, wann, in welchem sprachlichen Umfeld und aus welchem Grund ganz natürlich verwendet.
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Deutsch lernen
Autor: Tymur Levitin — Gründer und Direktor, Levitin Language School / Language Learnings
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