Wer Deutsch als Muttersprache spricht und Englisch lernt, begegnet sehr früh einer scheinbar einfachen Regel:
a steht vor einem Konsonantenlaut, an vor einem Vokallaut.
Also:
a book
a student
an apple
an idea
Das lässt sich schnell lernen. Aber damit haben wir noch nicht verstanden, was im Englischen tatsächlich passiert.
Denn eine interessantere Frage lautet:
Warum kann man überhaupt nicht „a apples“ sagen?
Das Problem besteht nicht darin, dass apples mit einem Vokal beginnt. Auch an apples wäre falsch.
Damit kommen wir zu etwas Grundsätzlicherem: Ein Artikel ist nicht einfach ein kleines Wort vor einem Substantiv. Er trägt Information darüber, wie der Sprecher dieses Substantiv konzeptualisiert.
Für deutschsprachige Lernende ist das besonders interessant, weil das Deutsche dasselbe Prinzip auf eine andere und wesentlich sichtbarere Weise organisiert.
„A“ bedeutet mehr als „ein Laut vor einem Substantiv“
Vergleichen wir:
a book
an apple
two books
three apples
Bei a book und an apple geht es um eine einzelne zählbare Einheit.
Das englische a/an ist historisch und funktional eng mit der Vorstellung von one verbunden. Deshalb kann es nicht einfach mit einem beliebigen Substantiv kombiniert werden.
Man kann sagen:
an apple
aber nicht:
a apples
an apples
Denn apples signalisiert bereits Mehrzahl.
Die beiden grammatischen Informationen würden nicht zusammenpassen: Der unbestimmte Singularartikel präsentiert etwas als eine Einheit, während die Pluralform mehrere Einheiten bezeichnet.
Das Problem ist also nicht nur eine auswendig gelernte Regel.
Es ist ein Konflikt zwischen zwei Bedeutungen.
Für deutsche Muttersprachler ist diese Logik eigentlich vertraut
Im Deutschen geschieht etwas Ähnliches:
ein Apfel
eine Birne
aber:
Äpfel
Birnen
Nicht:
ein Äpfel
Das klingt einem deutschen Muttersprachler unmittelbar falsch.
Interessanterweise muss er dabei normalerweise keine Grammatikregel bewusst abrufen. Er denkt nicht:
„Äpfel steht im Plural, deshalb ist der indefinite Artikel ein hier morphosyntaktisch inkompatibel.“
Er hört einfach:
ein Äpfel
und sein sprachliches System reagiert sofort.
Genau hier liegt eine wichtige Verbindung zwischen Muttersprache und Fremdsprachenlernen.
Ein deutscher Muttersprachler besitzt bereits eine hochentwickelte grammatische Intuition. Die Aufgabe beim Englischlernen besteht nicht darin, bei null anzufangen, sondern zu verstehen, welche Kategorien das Englische ähnlich organisiert und an welchen Stellen es andere Entscheidungen trifft.
Deutsch zeigt besonders deutlich, dass Artikel Information tragen
Im Englischen haben wir:
a man
the man
Im Deutschen:
ein Mann
der Mann
Doch schon wenige Wörter später kann der Artikel seine Form verändern:
der Mann
des Mannes
dem Mann
den Mann
oder:
ein Mann
eines Mannes
einem Mann
einen Mann
Für einen englischen Muttersprachler kann dieses System zunächst wie eine Sammlung zusätzlicher Regeln wirken.
Für einen deutschen Muttersprachler ist es Alltag.
Der Artikel hilft dabei, mehrere Informationen gleichzeitig zu organisieren: unter anderem Definitheit, Genus, Numerus und Kasus.
Das zeigt etwas Entscheidendes:
Grammatik besteht nicht aus Formen, die zufällig an Wörter angehängt werden. Formen sind Träger von Information.
Das Englische verteilt diese Information anders als das Deutsche, aber das Prinzip bleibt vergleichbar.
Warum dann „an apple“, aber „a university“?
Hier entsteht die nächste interessante Ebene.
Viele Lernende merken sich:
a vor Konsonanten, an vor Vokalen.
Das ist zu ungenau.
Entscheidend ist nicht der Buchstabe, sondern der Laut.
Deshalb:
an apple
an hour
aber:
a university
a European country
University beginnt schriftlich mit u, aber der Anfang wird mit einem /j/-Laut gesprochen. Deshalb entsteht:
a university
Hour beginnt dagegen mit geschriebenem h, doch dieses h wird in der üblichen Aussprache nicht gesprochen:
an hour
Wer nur Buchstaben betrachtet, sieht Ausnahmen.
Wer die Lautstruktur betrachtet, sieht ein System.
Hier treffen Grammatik und Phonetik aufeinander
Das Beispiel ist deshalb didaktisch so wertvoll, weil es zeigt, dass die traditionellen Schulfächer „Grammatik“ und „Phonetik“ in einer realen Sprache nicht sauber voneinander getrennt leben.
Die Wahl zwischen a und an hängt von grammatischer Bedeutung und Lautstruktur ab.
Bei:
an apple
muss zunächst die grammatische Voraussetzung stimmen: apple wird als einzelne zählbare Einheit verwendet.
Erst danach entscheidet die lautliche Umgebung darüber, welche Variante des Artikels verwendet wird:
a oder an.
Man könnte das fast als kleines Entscheidungsmodell darstellen:
Schritt 1: Ist das Substantiv in diesem Kontext zählbar?
Wenn nein, ist a/an normalerweise nicht möglich.
Schritt 2: Sprechen wir über eine einzelne Einheit?
Wenn nein, brauchen wir ebenfalls keinen Singularartikel a/an.
Schritt 3: Mit welchem Laut beginnt das folgende Wort?
Konsonantenlaut:
a
Vokallaut:
an
So wird aus einer scheinbar willkürlichen Schulregel ein nachvollziehbares System von Entscheidungen.
„A hundred apples“ widerspricht der Regel nicht
Nun betrachten wir:
A hundred apples were sold.
Auf den ersten Blick könnte jemand fragen:
Warum steht hier a, obwohl anschließend von hundert Äpfeln die Rede ist?
Weil a nicht direkt zu apples gehört.
Die Struktur ist:
a hundred | apples
a hundred bezeichnet hier eine Zahl beziehungsweise eine quantitative Einheit.
Vergleichen wir:
one hundred apples
a hundred apples
Das a funktioniert in dieser Konstruktion ähnlich wie one.
Deshalb ist:
a hundred apples
vollkommen normal, während:
a apples
nicht möglich ist.
Wieder verschwindet die vermeintliche Ausnahme, sobald wir verstehen, welche Elemente grammatisch zusammengehören.
Deutschsprachige Lernende haben an einer anderen Stelle ein Problem
Gerade weil Deutsch Artikel so intensiv verwendet, entsteht leicht die Vorstellung, dass sich deutsche und englische Artikel direkt gegeneinander austauschen lassen.
Das funktioniert nicht.
Vergleichen wir beispielsweise allgemeine Aussagen:
Life is complicated.
Das Leben ist kompliziert.
Oder:
I like music.
Ich mag Musik.
Die Sprachen entscheiden nicht immer identisch darüber, wann ein Substantiv mit einem Artikel erscheint.
Deshalb reicht die Formel
der/die/das = the
ein/eine = a/an
nur für den allerersten Einstieg.
Danach muss ein Lernender verstehen, welche Bedeutung die jeweilige Sprache in einer konkreten Situation grammatisch markiert.
Das ist ein wesentlich produktiverer Ansatz als Wort-für-Wort-Übersetzung.
Zählbarkeit ist ebenfalls keine Eigenschaft des Wortes allein
Noch interessanter wird die Sache bei sogenannten countable und uncountable nouns.
Man lernt zum Beispiel:
an apple
aber
water
Nicht normalerweise:
a water
Daraus könnte man schließen:
apple ist zählbar, water nicht.
Doch reale Sprache ist flexibler.
In einem Restaurant kann jemand durchaus sagen:
Two waters, please.
Gemeint sind dann beispielsweise zwei Gläser oder zwei Flaschen Wasser.
Das Material water ist nicht plötzlich mathematisch zählbar geworden. Der Kontext hat eine zählbare Einheit konstruiert.
Ähnliches finden wir bei:
coffee → two coffees
oder:
beer → two beers
Hier zeigt sich eine Verbindung zwischen Sprache und allgemeiner Kategorisierung: Menschen zählen nicht einfach Wörter. Sie entscheiden, welche Einheiten sie in einer Situation als einzelne Objekte behandeln.
Sprache funktioniert hier fast wie Modellbildung
Genau an diesem Punkt wird die Verbindung zwischen Sprache und anderen Denkbereichen interessant.
In der Mathematik muss definiert werden, was gezählt wird.
In der Physik muss festgelegt werden, welche Größe gemessen wird.
In der Wirtschaft kann dieselbe reale Sache als Stück, Menge, Bestand, Einheit oder Transaktion betrachtet werden.
Und in der Sprache müssen wir ebenfalls entscheiden, welche Art von Entität wir gerade sprachlich konstruieren.
Ein Apfel lässt sich unmittelbar als einzelne Einheit zählen:
one apple, two apples
Wasser wird zunächst als Substanz konzeptualisiert:
some water
Aber sobald eine praktische Situation Einheiten erzeugt, können wir sagen:
two waters
Die Grammatik folgt also nicht einfach Dingen in der Außenwelt.
Sie folgt der Art, wie wir diese Dinge für eine konkrete kommunikative Aufgabe kategorisieren.
Deshalb sind Fehler diagnostisch wertvoll
Wenn ein Lernender sagt:
a apples
ist die interessanteste Reaktion nicht:
Falsch. Lern die Regel noch einmal.
Viel interessanter ist:
Welche Entscheidung hat zu dieser Form geführt?
Vielleicht hat der Lernende gelernt, dass englische Substantive häufig einen Artikel brauchen.
Vielleicht verbindet er a lediglich mit „unbestimmt“.
Vielleicht hat er Singular und Plural als getrennte Regelbereiche gelernt und noch nicht verstanden, dass beide Systeme miteinander interagieren.
Vielleicht überträgt er eine Struktur aus einer anderen Sprache.
Ein Fehler zeigt dann nicht nur, was der Lernende nicht weiß.
Er zeigt, wie sein gegenwärtiges Sprachmodell funktioniert.
Und genau dort sollte Unterricht ansetzen.
Muttersprachler besitzen kein unsichtbares Grammatikbuch im Kopf
Ein deutscher Muttersprachler weiß, dass:
ein Äpfel
nicht funktioniert.
Ein englischer Muttersprachler weiß, dass:
a apples
nicht funktioniert.
In beiden Fällen kann die Person möglicherweise keine vollständige linguistische Erklärung liefern.
Das bedeutet nicht, dass keine Grammatik vorhanden ist.
Im Gegenteil.
Die Grammatik ist so tief automatisiert, dass sie nicht mehr als bewusst abgearbeitete Regel erlebt wird.
Das Ziel fortgeschrittenen Fremdsprachenlernens sollte deshalb nicht sein, immer mehr Regeln gleichzeitig im Arbeitsgedächtnis zu halten.
Es sollte darum gehen, aus verstandenen Mustern nach und nach einen inneren sprachlichen Filter aufzubauen.
Verstehen kommt vor Automatisieren
Natürlich braucht man Regeln.
Eine gute Regel kann ein komplexes Muster in wenigen Worten sichtbar machen.
Problematisch wird es erst, wenn die Regel zum Endpunkt des Lernens wird.
Wer nur weiß:
avor Konsonant,anvor Vokal,
wird bei a university möglicherweise unsicher.
Wer versteht:
Entscheidend ist der folgende Laut,
kann das Problem selbst lösen.
Wer zusätzlich versteht, dass a/an einen singularischen zählbaren Referenten voraussetzt, erkennt auch sofort, warum weder a apples noch an apples funktionieren.
Das ist der Unterschied zwischen Regelwissen und sprachlicher Kompetenz.
Sprache ist nicht Mathematik – aber sie ist auch nicht willkürlich
Sprachen enthalten historische Entwicklungen, Analogien, Konventionen, unregelmäßige Formen und echte Ausnahmen.
Deshalb wäre es falsch zu behaupten, jede grammatische Erscheinung könne aus reiner Logik mathematisch hergeleitet werden.
Aber ebenso falsch wäre die Vorstellung, Grammatik sei nur eine riesige Liste willkürlicher Vorschriften.
Sehr häufig steckt hinter einer Form eine funktionale Frage:
Welche Information muss der Hörer bekommen?
Welche Kategorien unterscheidet diese Sprache?
Welche Elemente gehören strukturell zusammen?
Welche Aussprache erleichtert die Verarbeitung?
Wie wird eine Situation sprachlich konzeptualisiert?
Wer solche Fragen stellt, lernt nicht nur einzelne Regeln.
Er beginnt zu verstehen, wie eine Sprache Entscheidungen organisiert.
Von „a apples“ zu einer anderen Art des Sprachenlernens
Die Form a apples ist deshalb interessanter, als sie zunächst aussieht.
Sie führt von einem elementaren Grammatikfehler zu grundlegenden Fragen über:
- Singular und Plural,
- Zählbarkeit,
- Artikel,
- Lautstruktur,
- Kategorisierung,
- Sprachintuition,
- den Unterschied zwischen Deutsch und Englisch,
- und die Art, wie Menschen Bedeutung grammatisch organisieren.
Genau darin liegt ein zentraler Grundsatz unseres Unterrichts bei Levitin Language School:
Wir lernen eine Sprache nicht, um möglichst viele Regeln aufsagen zu können.
Wir lernen ihre Strukturen, damit ein Mensch in einer realen Situation verstehen, entscheiden und handeln kann.
Eine Regel ist dabei ein Werkzeug.
Das eigentliche Ziel ist Kompetenz.
Continue Learning
Englisches Original dieses Beitrags
Why “a apples” Doesn’t Exist: When Grammar Is Just Logic
https://levitintymur.com/authors-column-tymur-levitin-on-language-meaning-and-respect/why-a-apples-doesnt-exist-when-grammar-is-just-logic/
Die englische Ausgangsversion betrachtet dieselbe Kernfrage aus einer anderen sprachlichen Perspektive. Die deutsche Fassung ist keine Übersetzung, sondern entwickelt das Thema ausgehend von den Kategorien und Intuitionen deutschsprachiger Lernender.
Levitin Language School
Sprachen, fachliches Lernen und die Verbindung von Sprache und Fachkompetenz:
Language Learnings
Weitere internationale Materialien zu Sprache, Lernen und praktischer Sprachkompetenz:
https://languagelearnings.com/
Über den Autor
Tymur Levitin ist Gründer und Direktor der Levitin Language School sowie Sprachlehrer und Methodikentwickler. Seine Arbeit konzentriert sich darauf, Grammatik, Wortschatz und Kommunikation nicht als isolierte Lerninhalte, sondern als Systeme von Bedeutungen und Entscheidungen verständlich zu machen.
Der Unterricht der Levitin Language School verbindet Sprachlernen mit realen Handlungszielen und – wo es sinnvoll ist – mit schulischen, akademischen und beruflichen Fachgebieten.
Levitin Language School
https://levitintymur.com/
Language Learnings
https://languagelearnings.com/
Email: notification@levitintymur.com
Telegram: @START_SCHOOL_TYMUR_LEVITIN
WhatsApp/Viber: +380932913429
© Tymur Levitin — Founder & Director, Levitin Language School. Alle Rechte vorbehalten.
