Hat das Norwegische zwei Zeitformen, acht — oder hängt die Antwort davon ab, was wir überhaupt zählen?
Diese Videolektion wird auf Russisch erklärt und richtet sich an Lernende, die Norwegisch mithilfe der russischen Sprache lernen.
Im Mittelpunkt steht jedoch nicht das Auswendiglernen einer weiteren Tempusliste. Die entscheidende Frage lautet:
Was genau zählen wir, wenn wir von „Zeitformen“ sprechen?
Lernsprache: Norwegisch
Erklärungssprache des Videos: Russisch
Für: russischsprachige Lernende und alle, die Norwegisch mithilfe des Russischen lernen
Niveau: A2–B1+
Thema: Tempussystem, Verbformen, Perfekt- und Futurkonstruktionen
Format: Videolektion
Lehrer: Tymur Levitin
Warum kann die Antwort sowohl „2“ als auch „8“ lauten?
Beginnen wir mit einem einfachen Gegensatz:
skriver — skrev
Hier verändert sich das finite Verb selbst.
Wir erhalten:
presens — skriver
und:
preteritum — skrev
Wenn wir also die grundlegende morphologische Tempusunterscheidung des finiten Verbs zählen, ist ein System mit zwei zentralen Formen durchaus sinnvoll.
Doch damit ist die zeitliche Architektur des Norwegischen noch längst nicht beschrieben.
Betrachten wir:
har skrevet — hadde skrevet
Dann:
skal skrive — skulle skrive
Und schließlich:
skal ha skrevet — skulle ha skrevet
Jetzt zählen wir nicht mehr nur unterschiedliche Formen des lexikalischen Verbs skrive.
Wir analysieren größere Verbalkonstruktionen, in denen Hilfsverben, Partizipien und zeitliche Bezugspunkte zusammenwirken.
Zwei parallele Systeme
Eine besonders aufschlussreiche Darstellung organisiert diese Konstruktionen in zwei parallelen Reihen:
PRESENSSYSTEMET
- skriver
- har skrevet
- skal skrive
- skal ha skrevet
PRETERITUMSYSTEMET
- skrev
- hadde skrevet
- skulle skrive
- skulle ha skrevet
Dadurch entsteht eine Struktur mit acht Positionen:
presens ↔ preteritum
presens perfektum ↔ preteritum perfektum
presens futurum ↔ preteritum futurum
presens futurum perfektum ↔ preteritum futurum perfektum
Die Zahlen 2 und 8 müssen sich deshalb nicht widersprechen.
Sie können Antworten auf unterschiedliche grammatische Fragen sein.
Tempus und Zeit sind nicht dasselbe
Noch deutlicher wird das an einem sehr einfachen norwegischen Satz:
Jeg reiser i morgen.
Das Ereignis liegt in der Zukunft:
i morgen — morgen
Die Verbform reiser steht jedoch im presens.
Wir haben also:
GRAMMATISCHE FORM: presens
ZEITLICHER BEZUG: Zukunft
Genau hier wird eine wichtige Unterscheidung sichtbar:
Tempus ist nicht identisch mit realer Zeit.
Eine Sprache braucht nicht für jede mögliche zeitliche Bedeutung eine eigene morphologische Verbform.
Das Norwegische kann Zukunft unter anderem durch den Kontext, durch Präsensformen sowie durch Konstruktionen mit skal, vil oder kommer til å ausdrücken.
Deshalb beantwortet eine Liste von Tempusnamen allein noch nicht die Frage, wie das norwegische Zeitsystem tatsächlich funktioniert.
Wie viele Zeitformen hat das Norwegische also?
Bevor wir eine Zahl nennen, müssen wir die Einheit der Analyse bestimmen.
Zählen wir:
morphologische Formen des finiten Verbs?
Oder:
komplexere finite Verbalkonstruktionen?
Oder:
alle sprachlichen Möglichkeiten, zeitliche Beziehungen auszudrücken?
Das sind drei verschiedene Fragen.
Und genau deshalb kann die Frage
„Wie viele Zeitformen hat das Norwegische?“
nicht zuverlässig beantwortet werden, solange wir nicht wissen, was gezählt wird.
Manchmal brauchen wir nicht mehr Regeln.
Wir brauchen ein höher aufgelöstes Modell der Sprache.
Videolektion ansehen
Die Erklärung im Video ist auf Russisch:
Wie viele Zeitformen hat das Norwegische — 2 oder 8? Videolektion auf Russisch
Die ausführliche Analyse auf Deutsch
Die deutsche Langfassung untersucht die Frage wesentlich tiefer und trennt unter anderem Tempus, Zeitreferenz, Perfekt, Zukunft und unterschiedliche Ebenen der grammatischen Analyse:
Wie viele Zeitformen hat Norwegisch wirklich? Warum die Frage schwieriger ist als die Zahl
Auf Russisch weiterlesen
Da die Videolektion selbst auf Russisch erklärt wird, kann die russische Langfassung direkt als Vertiefung nach dem Video dienen:
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Über die Levitin Language School
An der Levitin Language School behandeln wir Grammatik nicht als eine Sammlung isolierter Bezeichnungen, die lediglich auswendig gelernt werden müssen.
Uns interessiert die Struktur hinter den Bezeichnungen: Was kodiert eine Form tatsächlich? Was liefert der Kontext? Welche Kategorien greifen ineinander? Und warum können zwei scheinbar widersprüchliche Erklärungen unterschiedliche Ebenen desselben Sprachsystems beschreiben?
Tymur Levitin
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