Wer Deutsch gelernt hat, kennt eine scheinbar beruhigende Antwort auf die Frage nach den Zeitformen.
Präsens.
Präteritum.
Perfekt.
Plusquamperfekt.
Futur I.
Futur II.
Sechs.
Die Liste ist übersichtlich. Sie passt in eine Tabelle. Man kann sie lernen, abfragen und abhaken.
Und genau deshalb entsteht beim Lernen einer weiteren germanischen Sprache schnell eine Erwartung:
Wenn Deutsch sechs Zeitformen hat – wie viele hat dann Norwegisch?
Zwei?
Vier?
Sechs?
Acht?
Die überraschende Antwort lautet:
Bevor wir zählen, müssen wir entscheiden, was überhaupt gezählt werden soll.
Denn eine „Zeitform“ kann je nach grammatischem Modell etwas ganz anderes bedeuten.
Und gerade der Vergleich zwischen Deutsch und Norwegisch zeigt, warum eine Zahl allein fast nichts erklärt.
Das deutsche Wort „Zeitform“ ist bereits gefährlich bequem
Im Deutschen liegen zwei Begriffe sprachlich sehr nah beieinander:
Zeit
und:
Zeitform.
Das kann den Eindruck erzeugen, eine grammatische Zeitform sei einfach die sprachliche Entsprechung eines Abschnitts auf der Zeitachse.
Vergangenheit → Vergangenheitsform.
Gegenwart → Gegenwartsform.
Zukunft → Zukunftsform.
Aber schon das Deutsche selbst widerlegt dieses Modell.
Wir sagen:
Morgen fahre ich nach Berlin.
Das Ereignis liegt in der Zukunft.
Die Verbform fahre steht im Präsens.
Also:
grammatisches Tempus und reale Zeitreferenz sind nicht dasselbe.
Und genau dieser Unterschied wird im Norwegischen noch wichtiger.
Norwegisch kann mit Präsens über die Zukunft sprechen
Ein ganz normaler norwegischer Satz lautet:
Jeg reiser i morgen.
Wörtlich ungefähr:
Ich reise morgen.
Das ist für deutschsprachige Lernende zunächst angenehm.
Auch Deutsch kann:
Ich reise morgen.
Wir brauchen weder im Deutschen noch im Norwegischen zwingend eine morphologisch besondere Zukunftsform, um über morgen zu sprechen.
Das Zeitadverbial erledigt einen wesentlichen Teil der Arbeit:
i morgen — morgen
Damit zerfällt bereits eine mögliche Rechnung:
Vergangenheit + Gegenwart + Zukunft = drei Tempora.
Nein.
Das wären zunächst drei zeitliche Bereiche.
Eine Sprache muss diese drei Bereiche nicht durch drei entsprechende Verbformen abbilden.
Zeit ist keine grammatische Kategorie
Gestern existiert unabhängig von Grammatik.
Morgen ebenfalls.
Ein Ereignis kann vor, während oder nach dem Sprechzeitpunkt stattfinden.
Tempus dagegen ist eine grammatische Organisation zeitlicher Beziehungen.
Das klingt zunächst abstrakt.
Praktisch bedeutet es:
Wir müssen mindestens unterscheiden zwischen:
Wann findet etwas statt?
und:
Welche grammatische Form benutzt die Sprache, um darüber zu sprechen?
Das sind zwei verschiedene Fragen.
Beginnen wir mit einem norwegischen Verb
Nehmen wir:
å skrive — schreiben
Dann erhalten wir unter anderem:
skriver
und:
skrev.
Hier liegt ein fundamentaler Gegensatz:
presens — preteritum
also ungefähr:
Präsens — Präteritum.
Wenn wir ausschließlich danach fragen, welche grundlegende Tempusunterscheidung am finiten Verb morphologisch sichtbar wird, können wir das norwegische System tatsächlich als einen grundlegenden Gegensatz zwischen Präsens und Präteritum beschreiben.
Plötzlich erscheint die Antwort:
zwei
gar nicht absurd.
Aber damit ist nur eine bestimmte Frage beantwortet.
Nicht:
Wie kann Norwegisch Zeit insgesamt ausdrücken?
Sondern:
Welche zentrale morphologische Tempusopposition finden wir am finiten Verb?
Das ist ein erheblicher Unterschied.
Warum vier Verbformen nicht vier Zeitformen bedeuten
Lernende begegnen häufig Tabellen wie:
å skrive — skriver — skrev — skrevet
Vier Formen.
Also vier Zeitformen?
Nein.
Denn:
å skrive ist ein Infinitiv.
skriver ist eine finite Präsensform.
skrev ist eine finite Präteritalform.
skrevet ist eine nichtfinite Form, die unter anderem in zusammengesetzten Konstruktionen gebraucht wird.
Die Zahl der Spalten einer Konjugationstabelle ist deshalb nicht automatisch die Zahl der Tempora einer Sprache.
Das klingt banal.
Aber genau an dieser Stelle entstehen viele widersprüchliche Aussagen darüber, wie viele „Zeiten“ Norwegisch angeblich habe.
Das Deutsche sollte uns eigentlich davor warnen
Auch im Deutschen würden wir nicht sagen:
schreiben
sei eine eigene Zeitform, nur weil der Infinitiv in einer Verbtabelle steht.
Ebenso wenig ist:
geschrieben
für sich allein das Perfekt.
Wir brauchen:
hat geschrieben
oder:
ist gegangen.
Das Perfekt entsteht also nicht einfach dadurch, dass irgendwo ein Partizip existiert.
Es entsteht durch eine Konstruktion.
Im Norwegischen ist das Prinzip vergleichbar:
har skrevet
ist etwas anderes als das isolierte:
skrevet.
Damit müssen wir eine weitere Unterscheidung einführen:
Verbform
ist nicht automatisch:
Tempus
und Tempus ist wiederum nicht automatisch:
vollständige Verbgruppe.
Jetzt kommt das Perfekt
Norwegisch:
Jeg har skrevet brevet.
Deutsch:
Ich habe den Brief geschrieben.
Die strukturelle Ähnlichkeit ist auffällig.
Norwegisch:
har + skrevet
Deutsch:
habe + geschrieben
Aber jetzt müssen wir genau hinsehen.
Welche Form trägt im Norwegischen die finite Tempusinformation?
har.
Das Hilfsverb steht im Präsens.
Dazu kommt die entsprechende Form des Vollverbs:
skrevet.
Die norwegische Bezeichnung lautet:
presens perfektum.
Und dieser Name verrät bereits etwas über die Architektur.
Wir haben nicht einfach eine mysteriöse dritte Form von skrive.
Wir haben eine zusammengesetzte Struktur.
Perfekt bedeutet nicht einfach Vergangenheit
Deutschsprachige Lernende haben hier sogar ein besonderes Problem.
Im alltäglichen Deutschen konkurrieren Perfekt und Präteritum teilweise als Erzählformen:
Ich habe ihn gesehen.
Ich sah ihn.
Regional, stilistisch und je nach Verb kann die Verteilung stark variieren.
Dadurch entsteht leicht das Gefühl:
Perfekt = eine andere Art, Vergangenheit auszudrücken.
Das ist als Gebrauchserfahrung verständlich.
Als vollständiges grammatisches Modell reicht es jedoch nicht.
Denn die Kategorie Perfekt enthält eine Beziehung zwischen Zeitpunkten bzw. zeitlichen Perspektiven.
Norwegisch macht das sehr deutlich, sobald wir vergleichen:
har skrevet
mit:
hadde skrevet.
„Har skrevet“ und „hadde skrevet“ sind keine zwei zufälligen Kästchen
Betrachten wir:
Jeg har skrevet brevet.
und:
Jeg hadde skrevet brevet før hun kom.
Im zweiten Satz liegt das Schreiben nicht einfach „irgendwann in der Vergangenheit“.
Es liegt vor einem anderen vergangenen Bezugspunkt:
hun kom — sie kam
Wir haben also:
Sprechzeitpunkt → Vergangenheit → noch früheres Ereignis.
Deutsch macht etwas sehr Ähnliches:
Ich hatte den Brief geschrieben, bevor sie kam.
Hier wird sichtbar, warum eine einfache Linie:
Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft
nicht ausreicht.
Wir brauchen einen weiteren Begriff:
Referenzzeitpunkt.
Drei Zeitpunkte statt drei „Zeiten“
Für komplexere temporale Beziehungen ist es hilfreich, mindestens drei Größen auseinanderzuhalten:
Sprechzeitpunkt — wann wird gesprochen?
Ereigniszeitpunkt — wann findet das Ereignis statt?
Referenzzeitpunkt — von welchem zeitlichen Punkt aus wird das Ereignis betrachtet?
Bei:
Jeg hadde skrevet brevet før hun kom
liegt das Schreiben vor dem vergangenen Referenzpunkt des Kommens.
Deshalb ist „Vergangenheit“ als Beschreibung zu grob.
Beide Ereignisse liegen vor jetzt.
Aber sie liegen nicht an derselben Stelle innerhalb der zeitlichen Struktur.
Hier wird die deutsche Sechserliste problematisch
Der deutsche Schulunterricht präsentiert häufig:
Präsens
Präteritum
Perfekt
Plusquamperfekt
Futur I
Futur II
als sechs Tempora.
Für Deutsch ist diese traditionelle Klassifikation pädagogisch etabliert und praktisch brauchbar.
Aber wenn ein deutschsprachiger Lernender diese sechs Schubladen direkt auf Norwegisch überträgt, entsteht eine falsche Erwartung:
Wo ist das norwegische Äquivalent jeder deutschen Zeitform?
Das ist die falsche Richtung.
Wir sollten nicht fragen:
Welche norwegische Form entspricht dem deutschen Futur I?
Sondern:
Welche grammatischen Mittel benutzt Norwegisch, wenn eine zukünftige Beziehung ausgedrückt werden soll?
Das ist eine völlig andere Denkweise.
Denn Zukunft ist im Norwegischen kein einzelnes Kästchen
Wir haben bereits:
Jeg reiser i morgen.
Präsensform, Zukunftsbedeutung.
Aber auch:
Jeg skal reise.
Und:
Jeg kommer til å reise.
Je nach Kontext können außerdem Konstruktionen mit vil Zukunftsbezug haben.
All diese Sätze können sich auf Zukünftiges beziehen.
Aber sie sind nicht bedeutungsgleich in jedem Kontext.
Damit wird eine zentrale Gleichung unmöglich:
Zukunft = Futurform X
Norwegisch verteilt Zukunftsbedeutung auf verschiedene grammatische und lexikalische Ressourcen.
Deutsch tut übrigens dasselbe
Das macht den Vergleich besonders interessant.
Deutsch besitzt traditionell ein Futur I:
Ich werde morgen arbeiten.
Aber im wirklichen Sprachgebrauch sagen wir sehr häufig:
Ich arbeite morgen.
Das Präsens genügt.
Also besitzt selbst eine Sprache, deren Schulgrammatik ausdrücklich ein Futur I aufführt, keine einfache Eins-zu-eins-Beziehung:
Zukunft = Futur I.
Die Kategorie existiert.
Aber die kommunikative Funktion „über die Zukunft sprechen“ ist größer als diese Kategorie.
Genau diese Einsicht müssen wir ins Norwegische mitnehmen.
Ist „skal“ also das norwegische „werden“?
Nein.
Das wäre die nächste verführerische Abkürzung.
skal gehört zum Modalsystem.
Es kann mit Zukunftsbezug auftreten, aber auch Bedeutungsanteile tragen, die mit Verpflichtung, Plan, Absicht, Erwartung oder anderen modalen Beziehungen zusammenhängen.
Das bedeutet:
skal + Infinitiv
kann Zukunft ausdrücken.
Aber daraus folgt nicht:
skal = werden
und auch nicht:
skal + Infinitiv = universelle norwegische Zukunftsform.
Eine gute Übersetzung kann eine Ähnlichkeit zeigen.
Sie beweist keine grammatische Identität.
Und „vil“ ist auch nicht einfach „wird“
Das deutsche:
wird
und das norwegische:
vil
können sich in Übersetzungen begegnen.
Aber vil ist historisch und synchron mit modalen Bedeutungen verbunden, unter anderem mit Wollen, Bereitschaft, Erwartung oder Prognose — abhängig vom Kontext.
Hier berühren sich zwei grammatische Dimensionen:
Temporalität
und:
Modalität.
Und genau an solchen Stellen wird das bloße Zählen von „Zeitformen“ immer weniger aussagekräftig.
Modalität ist nicht Tempus
Wenn ich sage:
Er kommt morgen.
mache ich eine Aussage über ein zukünftiges Ereignis.
Wenn ich sage:
Er wird wohl morgen kommen.
kommt eine epistemische Einschätzung hinzu.
Wenn ich sage:
Er soll morgen kommen.
ändert sich die modale Struktur erneut.
Der Zeitpunkt kann in allen Fällen ähnlich sein.
Die Haltung des Sprechers zum Ereignis ist es nicht.
Sprachen kombinieren Temporalität und Modalität.
Deshalb darf nicht jede Konstruktion mit Zukunftsbezug automatisch als eigenständiges Tempus gezählt werden.
Was ist dann „preteritum futurum“?
Jetzt wird es für deutschsprachige Lernende besonders interessant.
Norwegisch:
Han sa at han skulle komme.
Deutsch:
Er sagte, dass er kommen würde.
Wann findet das Kommen statt?
Nach dem Sagen.
Wann findet das Sagen statt?
In der Vergangenheit.
Das Kommen ist also:
zukünftig relativ zu einem vergangenen Bezugspunkt.
Genau hier liegt die Logik von:
preteritum futurum.
Traditionell begegnen wir dem Konzept auch als:
Zukunft in der Vergangenheit
bzw. future in the past.
Wie kann etwas gleichzeitig Vergangenheit und Zukunft sein?
Nur wenn wir „Vergangenheit“ und „Zukunft“ als absolute Etiketten missverstehen, entsteht ein Widerspruch.
Nehmen wir an:
Am Montag sagte Anna:
„Ich komme am Freitag.“
Heute ist Sonntag.
Aus heutiger Sicht liegen sowohl Montag als auch Freitag in der Vergangenheit.
Aber aus der Perspektive des Montags lag Freitag noch in der Zukunft.
Deshalb kann ein Ereignis gleichzeitig sein:
vergangen relativ zu jetzt
und:
zukünftig relativ zu einem vergangenen Referenzpunkt.
Zeitrelationen sind relational.
Nicht absolut.
Die zeitliche Kamera
Man kann sich das als Kamera vorstellen.
Normalerweise steht die Kamera bei:
jetzt.
Von dort blicken wir:
zurück,
auf die Gegenwart,
oder nach vorn.
Aber Sprache kann die Kamera verschieben.
Wir stellen sie in einen vergangenen Moment.
Und plötzlich gibt es auch von dort aus:
ein Vorher,
ein Gleichzeitig,
und ein Nachher.
Diese verschobene Perspektive ist entscheidend für das Verständnis des norwegischen Tempussystems.
Zwei Systeme statt einer langen Liste
Die offizielle norwegische Terminologie von Språkrådet bietet deshalb eine ausgesprochen interessante Architektur.
Sie unterscheidet:
presenssystemet
und:
preteritumsystemet.
Wir können zunächst schreiben:
| Präsenssystem | Präteritumsystem |
|---|---|
| skriver | skrev |
Dann:
| Präsenssystem | Präteritumsystem |
|---|---|
| har skrevet | hadde skrevet |
Dann:
| Präsenssystem | Präteritumsystem |
|---|---|
| skal skrive | skulle skrive |
Und schließlich:
| Präsenssystem | Präteritumsystem |
|---|---|
| skal ha skrevet | skulle ha skrevet |
Jetzt sieht das System plötzlich nicht mehr wie acht willkürliche Tempora aus.
Es sieht wie eine Architektur aus.
Die acht Kategorien der offiziellen Terminologie
Språkrådet führt innerhalb dieser Architektur folgende Kategorien:
| Presenssystemet | Preteritumsystemet |
|---|---|
| presens: skriver | preteritum: skrev |
| presens perfektum: har skrevet | preteritum perfektum: hadde skrevet |
| presens futurum: skal skrive | preteritum futurum: skulle skrive |
| presens futurum perfektum: skal ha skrevet | preteritum futurum perfektum: skulle ha skrevet |
Jetzt könnte man sagen:
Also hat Norwegisch acht Zeitformen.
Aber auch das wäre wieder zu schnell.
Präziser ist:
In dieser terminologischen Analyse werden acht Typen finiter Verbgruppen innerhalb eines Präsens- und Präteritumsystems unterschieden.
Das klingt weniger spektakulär.
Dafür sagt es tatsächlich, was gezählt wurde.
Warum „zwei“ und „acht“ sich nicht widersprechen müssen
Frage A:
Wie viele grundlegende morphologische Tempusformen unterscheidet das finite Verb?
Dann wird die Opposition:
presens ↔ preteritum
zentral.
Frage B:
Wie viele Kategorien enthält die ausgebaute Klassifikation finiter temporaler Verbgruppen in diesem Modell?
Dann können wir bei den acht genannten Kategorien landen.
Die Zahlen beantworten unterschiedliche Fragen.
Das Problem beginnt erst, wenn wir die Fragen löschen und nur die Zahlen behalten.
Und woher kommen dann „vier“ oder „sechs“?
Aus anderen Klassifikationsentscheidungen.
Ein Lehrwerk kann beispielsweise für eine bestimmte Lernstufe besonders behandeln:
presens
preteritum
presens perfektum
preteritum perfektum
und daraus praktisch vier große Lernblöcke machen.
Ein anderes Modell nimmt Zukunftskonstruktionen hinzu.
Schon erscheint eine andere Zahl.
Das bedeutet nicht automatisch, dass eine Seite die Sprache verstanden und die andere sie falsch gezählt hat.
Man muss zuerst die Listen vergleichen.
Welche Kategorien werden gezählt?
Erst danach kann man die Zahlen vergleichen.
„Perfekt“ ist ebenfalls kein Synonym für Vergangenheit
Deutschsprachige Lernende sollten hier besonders vorsichtig sein.
Im Deutschen:
Ich habe gearbeitet.
kann im Alltag schlicht eine normale Vergangenheitsaussage sein.
Aber grammatisch ist die Konstruktion nicht deshalb interessant, weil das Ereignis „irgendwie früher“ passiert.
Vergleichen wir:
har skrevet
und:
hadde skrevet.
Beide enthalten eine Perfektstruktur.
Aber nur die zweite ist im Präteritumsystem verankert.
Das zeigt:
Perfekt und Tempus sind nicht dieselbe Dimension.
Vergangenheit ist größer als Präteritum
Das gilt genauso umgekehrt.
Ein Ereignis kann vergangen sein, ohne dass die gesamte grammatische Struktur einfach mit dem Etikett „Präteritum“ beschrieben werden kann.
har skrevet
kann sich auf ein bereits abgeschlossenes Ereignis beziehen.
Trotzdem steht das finite Hilfsverb har im Präsens.
Wir müssen also unterscheiden:
vergangene Ereigniszeit
von:
grammatischer Tempusverankerung.
Und Zukunft ist größer als Futur
Dasselbe Muster wiederholt sich:
Jeg reiser i morgen.
Zukunft ohne besondere Futurkonstruktion.
Jeg skal reise.
Zukunft kann mit einer Modalverbkonstruktion erscheinen.
Jeg kommer til å reise.
Noch eine Zukunftsstrategie.
Damit wird sichtbar:
Die semantische Kategorie Zukunft ist größer als irgendeine einzelne grammatische Form.
Was macht „kommer til å“?
Ein Satz wie:
Det kommer til å regne.
kann eine zukünftige Entwicklung oder Prognose ausdrücken.
Deutsch könnte je nach Kontext sagen:
Es wird regnen.
oder:
Es wird wohl regnen.
oder eine andere natürliche Formulierung wählen.
Soll kommer til å + Infinitiv deshalb als weiteres Tempus gezählt werden?
Wenn wir ja sagen, müssen wir erklären, nach welchem Kriterium.
Wenn jede Zukunftskonstruktion ein eigenes Tempus ist, wächst die Liste.
Dann zählen wir aber irgendwann nicht mehr Tempora, sondern Ausdrucksstrategien für Zukunft.
Beides kann untersucht werden.
Es darf nur nicht verwechselt werden.
Futur Perfekt: Zukunft und Vorzeitigkeit gleichzeitig
Betrachten wir:
Jeg skal ha skrevet rapporten innen fredag.
Bis Freitag werde ich den Bericht geschrieben haben.
Jetzt geschieht etwas Interessantes.
Der Abschluss des Schreibens liegt vor einem zukünftigen Referenzpunkt:
Freitag.
Das Ereignis ist also aus heutiger Perspektive zukünftig, aber relativ zum zukünftigen Freitag bereits abgeschlossen.
Dafür verwendet die norwegische Terminologie:
presens futurum perfektum.
Deutsch erkennt die Logik sofort aus seinem Futur II:
Ich werde den Bericht bis Freitag geschrieben haben.
Doch die Ähnlichkeit darf wieder nicht zur Gleichsetzung werden.
Die beiden Sprachen organisieren ihre Systeme nicht vollständig identisch.
Und jetzt verschieben wir die Kamera wieder in die Vergangenheit
Han sa at han skulle ha skrevet rapporten innen fredag.
Nun haben wir:
einen vergangenen Referenzrahmen,
eine von dort aus zukünftige Orientierung,
und ein Ereignis, das vor einem innerhalb dieses Rahmens späteren Punkt abgeschlossen sein soll.
Dafür steht die Bezeichnung:
preteritum futurum perfektum.
Wer nur eine lineare Liste von „Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft“ gelernt hat, erlebt solche Formen als monströse Ausnahmen.
Wer mit Referenzpunkten arbeitet, sieht eine Kombination bekannter Beziehungen.
Acht Namen – aber nicht acht unabhängige Mechanismen
Das ist der entscheidende Punkt.
Wir müssen nicht acht voneinander isolierte grammatische Maschinen lernen.
Vieles lässt sich aus wenigen Dimensionen zusammensetzen:
Präsenssystem oder Präteritumsystem?
Vorzeitig oder nicht?
Zukünftig relativ zum Referenzpunkt oder nicht?
Werden Zukunft und Vorzeitigkeit kombiniert?
Damit verwandelt sich eine Liste in ein Koordinatensystem.
Genau hier liegt der Vorteil gegenüber dem Auswendiglernen
Wer nur lernt:
skriver = Präsens
skrev = Präteritum
har skrevet = Perfekt
hadde skrevet = Plusquamperfekt
skal skrive = Futur
hat zunächst brauchbare Übersetzungspaare.
Aber sobald:
skriver
morgen bedeuten kann,
oder:
skulle
Zukunft aus einer Vergangenheitsperspektive ausdrückt,
reichen die Etiketten nicht mehr.
Ein Systemverständnis kann neue Fälle erklären.
Eine Vokabelliste grammatischer Namen kann sie nur speichern.
Hat Norwegisch ein Verlaufs-Tempus?
Deutschsprachige Lernende begegnen dieser Frage oft über das Englische:
I write.
gegen:
I am writing.
Im Deutschen können beide je nach Kontext einfach:
Ich schreibe.
heißen.
Norwegisch verhält sich hier ebenfalls nicht wie Englisch:
Jeg skriver.
kann je nach Kontext eine gerade stattfindende Handlung ausdrücken.
Das bedeutet nicht, Norwegisch könne Verlauf nicht ausdrücken.
Es bedeutet:
Norwegisch grammatikalisiert diese Unterscheidung nicht durch dasselbe obligatorische Paradigma wie Englisch.
Wieder gilt:
Eine Sprache kann eine Bedeutung ausdrücken, ohne dafür ein eigenes Tempus zu besitzen.
Jetzt betreten wir den Bereich des Aspekts
Ob ein Ereignis:
andauert,
abgeschlossen ist,
wiederholt wird,
als Ganzes betrachtet wird,
in seinem Verlauf betrachtet wird,
oder auf sein Ergebnis hin relevant ist,
gehört zum großen Bereich der Aspektualität.
Tempus und Aspekt interagieren.
Sie sind aber nicht identisch.
Wenn wir jede aspektuelle Unterscheidung ebenfalls „Zeitform“ nennen, verlieren wir die Möglichkeit, genau zu beschreiben, was sich eigentlich verändert.
Und dann kommt der Modus
Betrachten wir hypothetische Aussagen.
Deutsch:
Ich würde kommen, wenn ich Zeit hätte.
Norwegisch kann dafür Konstruktionen mit Formen wie ville und skulle verwenden.
Ältere grammatische Terminologie konnte solche Strukturen mit Bezeichnungen behandeln, die an den Konditional erinnern.
Die neuere norwegische Terminologie ordnet bestimmte Formen strukturell anders ein.
Warum?
Weil Hypothetizität nicht einfach ein weiterer Zeitpunkt auf der Achse Vergangenheit–Gegenwart–Zukunft ist.
Sie betrifft:
Modalität.
Also die Beziehung des Sprechers zu Möglichkeit, Wirklichkeit, Bedingtheit, Erwartung oder Irrealität.
„Skulle“ zeigt besonders gut, wie Kategorien übereinanderliegen
Morphologisch gehört skulle zum Präteritum von skal.
Aber:
Han sa at han skulle komme.
kann Zukunft relativ zur Vergangenheit ausdrücken.
Andere Kontexte können Plan, Erwartung, Verpflichtung oder hypothetische Beziehungen aktivieren.
Das Wort trägt also nicht einfach einen Aufkleber:
VERGANGENHEIT
und erledigt damit alle Bedeutungsfragen.
Form, Syntax, Semantik und Kontext arbeiten zusammen.
Hat Norwegisch einen Konjunktiv?
Nicht als produktives modernes Paradigma, das dem deutschen Konjunktivsystem einfach entsprechen würde.
Aber natürlich kann Norwegisch ausdrücken:
Hypothesen,
Irrealität,
Wünsche,
indirekte Perspektiven,
Bedingungen,
Möglichkeiten.
Die Sprache besitzt die Bedeutungen.
Sie organisiert sie nur mit anderen grammatischen Mitteln.
Das ist eine allgemeine Lektion:
Das Fehlen einer bestimmten Kategorie bedeutet nicht das Fehlen der entsprechenden Denk- oder Ausdrucksmöglichkeit.
Passiv ist auch keine neue Zeitform
Norwegisch:
Brevet skrives.
Brevet ble skrevet.
Hier verändert sich unter anderem die Diathese bzw. das Genus Verbi.
Aktiv und Passiv können mit temporalen Kategorien kombiniert werden.
Aber Passiv ist nicht selbst ein Tempus.
Sonst müssten wir beispielsweise:
Präsens Aktiv,
Präsens Passiv,
Präteritum Aktiv,
Präteritum Passiv,
Perfekt Aktiv,
Perfekt Passiv
jeweils als eigenständige „Zeiten“ zählen.
Man kann solche Kombinationen natürlich tabellieren.
Aber die Tabelle beschreibt dann mehrere grammatische Dimensionen gleichzeitig.
Negation erzeugt ebenfalls kein neues Tempus
Jeg skriver.
Jeg skriver ikke.
Präsens bleibt Präsens.
Die Polarität ändert sich.
Ebenso:
Jeg skrev.
Jeg skrev ikke.
Niemand würde sinnvoll behaupten, Norwegisch habe deshalb ein positives und ein negatives Präteritum als zwei verschiedene Zeitformen.
Warum ist das wichtig?
Weil es zeigt, dass wir grammatische Eigenschaften auseinanderhalten können, obwohl sie innerhalb desselben Satzes gleichzeitig auftreten.
Genau dasselbe müssen wir mit Tempus, Perfekt, Modalität und Aspekt tun.
Auch Fragesätze vermehren die Tempora nicht
Du har skrevet brevet.
Har du skrevet brevet?
Die Satzart verändert sich.
Die temporale Grundarchitektur bleibt.
Ein Verbkomplex ist ein Ort, an dem mehrere grammatische Systeme zusammentreffen.
Nicht jede Veränderung erzeugt deshalb eine neue Zeitform.
Der Infinitiv hat keine eigene Gegenwart
å skrive
kann in sehr verschiedenen zeitlichen Umgebungen stehen:
Jeg liker å skrive.
Ich schreibe gern.
Jeg begynte å skrive.
Ich begann zu schreiben.
Jeg skal skrive.
Ich werde/soll schreiben.
Die Form skrive bleibt gleich.
Ihre zeitliche Interpretation entsteht aus der größeren Struktur.
Deshalb darf die Infinitivspalte einer Konjugationstabelle nicht als weiteres Tempus gezählt werden.
Dasselbe gilt für „skrevet“
Die Form:
skrevet
erscheint in:
har skrevet
hadde skrevet
skal ha skrevet
skulle ha skrevet.
Dieselbe nichtfinite Form beteiligt sich also an mehreren temporalen Architekturen.
Das allein widerlegt die Gleichung:
eine Verbform = eine Zeitform.
Jetzt verstehen wir, warum verschiedene Lehrbücher verschiedene Zahlen nennen können
Ein Lehrbuch möchte einem Anfänger helfen, schnell zu sprechen.
Es braucht dafür nicht zwingend eine vollständige Theorie der Temporalität.
Also gruppiert es Stoff in lernbare Kapitel.
Vielleicht:
Präsens.
Präteritum.
Perfekt.
Plusquamperfekt.
Zukunft.
Dann sieht das System nach fünf großen Einheiten aus.
Ein anderes Lehrwerk gruppiert anders.
Ein linguistisches Modell analysiert noch einmal anders.
Die Zahlen unterscheiden sich, weil die Einheiten der Klassifikation unterschiedlich sind.
Pädagogische Vereinfachung ist nicht automatisch falsch
Es wäre ebenfalls ein Fehler, jede einfache Erklärung zu verurteilen.
Für einen Anfänger kann:
skal + Infinitiv → Zukunft
eine ausgesprochen nützliche erste Orientierung sein.
Problematisch wird sie erst, wenn sie später nicht erweitert wird.
Eine gute Lernregel ist manchmal ein Gerüst.
Ein Gerüst ist sinnvoll, solange wir wissen, dass es nicht das fertige Gebäude ist.
Warum die deutsche Grammatiktradition hier gleichzeitig hilft und stört
Sie hilft, weil deutschsprachige Lernende bereits Begriffe kennen wie:
Präsens
Präteritum
Perfekt
Plusquamperfekt
Futur
Sie stört, wenn diese Begriffe als universelle Schubladen behandelt werden.
Norwegisch ist keine vereinfachte Version des Deutschen.
Und Deutsch ist kein Bauplan, nach dem Norwegisch konstruiert wurde.
Beide sind germanische Sprachen.
Beide teilen historische und strukturelle Eigenschaften.
Aber jede Sprache hat ihr eigenes synchrones System.
„Plusquamperfekt“ und „preteritum perfektum“
Hier sehen wir sogar, wie Terminologie unser Denken beeinflusst.
Deutsch:
Plusquamperfekt
Norwegische aktuelle Terminologie:
preteritum perfektum
Der deutsche Name ist historisch vertraut.
Der norwegische Name zeigt die interne Struktur transparenter:
Präteritumsystem + Perfektbeziehung.
Das ist didaktisch interessant.
Statt ein neues Kästchen zu lernen, erkennen wir eine Kombination.
Dasselbe bei Futur II
Deutsch:
Futur II
Norwegisch:
presens futurum perfektum
Der deutsche Name sagt:
zweites Futur.
Der norwegische Name zerlegt die Konstruktion stärker:
Präsenssystem,
Futurbeziehung,
Perfektbeziehung.
Man muss nicht behaupten, eine Terminologie sei grundsätzlich „besser“.
Aber sie lenken die Aufmerksamkeit auf unterschiedliche Eigenschaften.
Und genau deshalb beeinflussen grammatische Namen unser Verständnis.
Grammatische Terminologie ist ein Modell, nicht die Sprache selbst
Norweger sprechen nicht, indem sie innerlich denken:
Jetzt benötige ich presens futurum perfektum.
Ebenso wenig denkt ein deutscher Muttersprachler vor:
Bis morgen werde ich das erledigt haben
zuerst an die Tabellenzeile Futur II.
Die Sprache existiert im Gebrauch.
Grammatische Terminologie versucht anschließend, wiederkehrende Strukturen sichtbar zu machen.
Deshalb darf man das Modell nicht mit dem Gegenstand verwechseln.
Eine Landkarte ist hilfreich.
Aber die Landkarte ist nicht die Landschaft.
Was zählt eigentlich als „grammatikalisiert“?
Jetzt gehen wir noch eine Ebene tiefer.
Nicht jede regelmäßig verwendete Bedeutung besitzt automatisch eine eigene morphologische Kategorie.
Sprachen können Bedeutungen ausdrücken durch:
Flexion
Hilfsverben
Modalverben
Adverbien
lexikalische Verben
Wortstellung
Kontext
Diskurswissen
Die interessante linguistische Frage lautet deshalb nicht nur:
Kann Norwegisch Zukunft ausdrücken?
Natürlich kann es das.
Sondern:
Wie stark und auf welcher Ebene ist eine bestimmte temporale Unterscheidung grammatikalisiert?
Morphologie und Periphrase
skrev
ist eine synthetische Form.
Die zeitliche Information ist morphologisch am Verb realisiert.
har skrevet
ist dagegen analytisch bzw. periphrastisch aufgebaut.
Mehrere Wörter bilden gemeinsam die relevante Struktur.
Dass beide in einer Tempustabelle stehen können, bedeutet nicht, dass sie morphologisch gleichartig sind.
Das ist ein weiterer Grund, warum eine bloße Zahl Unterschiede versteckt.
Ein einziges Wort kann mehr Grammatik tragen als mehrere Wörter – und umgekehrt
Sprachen verteilen grammatische Information unterschiedlich.
Eine Sprache kann durch eine Endung ausdrücken, wofür eine andere Sprache ein Hilfsverb braucht.
Eine dritte Sprache verlässt sich stärker auf Kontext.
Keine dieser Lösungen ist „präziser“, „primitiver“ oder „entwickelter“.
Es sind unterschiedliche grammatische Architekturen.
Norwegisch verstehen heißt deshalb auch:
aufhören, die Zahl der Formen mit der Ausdruckskraft der Sprache zu verwechseln.
Der historische Präsens macht die Sache noch interessanter
Norwegisch kann wie Deutsch den Präsens in Erzählungen über vergangene Ereignisse verwenden.
Deutsch:
Gestern gehe ich also zum Bahnhof, und plötzlich sehe ich ihn.
Norwegisch kann ebenfalls historischen Präsens verwenden.
Morphologisch:
Präsens.
Chronologisch:
Vergangenheit.
Diskursfunktion:
Vergegenwärtigung bzw. narrative Perspektivierung.
Welche „Zeit“ ist das?
Die Frage selbst zeigt, warum wir drei Ebenen brauchen:
Form
Zeitreferenz
Diskursfunktion.
Und generisches Präsens liegt nicht einmal sauber auf einer einzelnen Zeitstelle
Vann koker ved 100 grader unter entsprechenden Bedingungen.
Eine allgemeine Aussage dieser Art beschreibt nicht einfach ein Ereignis, das genau jetzt stattfindet.
Generische und allgemeingültige Aussagen zeigen erneut:
Präsens ist nicht einfach das grammatische Wort für den mathematischen Punkt „jetzt“.
Grammatische Kategorien haben Verwendungsräume.
Keine eindimensionalen Übersetzungen.
Gewohnheiten ebenfalls
Jeg trener hver mandag.
Ich trainiere jeden Montag.
Die Form ist Präsens.
Die Aussage betrifft eine wiederkehrende Serie von Ereignissen.
Wenn wir nur fragen:
Wann passiert das?
bekommen wir keine einzelne Position auf der Zeitachse.
Temporalität umfasst auch Wiederholung, Dauer, Grenzen und Perspektive.
Hier berühren sich Tempus und Aspektualität erneut.
Ein Ereignis hat nicht nur einen Zeitpunkt
Nehmen wir:
einen Bericht schreiben.
Das Ereignis kann:
beginnen,
andauern,
abgeschlossen werden,
vor einem anderen Ereignis abgeschlossen sein,
bis zu einem zukünftigen Zeitpunkt abgeschlossen sein,
geplant sein,
erwartet sein,
hypothetisch sein,
wiederholt stattfinden.
Eine Grammatik muss nicht für jede dieser Möglichkeiten ein eigenes Tempus besitzen.
Sie kombiniert verschiedene Ressourcen.
Genau deshalb ist ein gutes Modell mehrdimensional.
Wenn wir wirklich alles zählen wollten
Stellen wir uns vor, wir multiplizieren:
2 Tempusverankerungen
× Perfekt / nicht Perfekt
× Zukunft / nicht Zukunft
× Aktiv / Passiv
× Indikativ / verschiedene modale Interpretationen
× positiv / negativ
× deklarativ / interrogativ
× unterschiedliche aspektuelle Konstruktionen.
Wir könnten eine beeindruckend große Zahl produzieren.
Aber niemand würde vernünftigerweise behaupten:
Norwegisch hat deshalb 64, 128 oder 256 Zeitformen.
Warum nicht?
Weil wir wissen, dass verschiedene grammatische Dimensionen kombiniert wurden.
Genau diese Einsicht müssen wir bereits bei kleineren Zahlen anwenden.
Die richtige Frage lautet also nicht „Wie viele?“
Sie lautet zunächst:
Welche Dimension untersuchen wir?
Wenn wir Morphologie untersuchen:
Welche finiten Tempusformen werden am Verb unterschieden?
Wenn wir Verbgruppen untersuchen:
Welche analytischen temporalen Kategorien werden gebildet?
Wenn wir Semantik untersuchen:
Welche zeitlichen Beziehungen können ausgedrückt werden?
Wenn wir Pragmatik untersuchen:
Wie beeinflussen Kontext, Planung, Erwartung und Sprecherhaltung die Interpretation?
Wenn wir Didaktik untersuchen:
Welche Kategorien sind für einen Lernenden auf einer bestimmten Stufe sinnvoll?
Jede Ebene kann eine andere Tabelle erzeugen.
Also: Hat Norwegisch zwei Zeitformen?
Wenn wir die grundlegende morphologische Tempusopposition des finiten Verbs meinen:
Präsens ↔ Präteritum
dann ist die Zweiteilung eine sinnvolle Analyse.
Aber sie ist keine vollständige Beschreibung der norwegischen Temporalität.
Hat Norwegisch vier?
Ein Lehrmodell kann vier zentrale Lernkategorien behandeln.
Das kann didaktisch sinnvoll sein.
Die Zahl ist dann eine Eigenschaft der pädagogischen Organisation des Stoffes, nicht unbedingt eine absolute Eigenschaft der Sprache.
Hat Norwegisch sechs?
Auch eine solche Zahl kann aus einer bestimmten Auswahl temporaler Konstruktionen entstehen.
Bevor wir entscheiden, ob sie sinnvoll ist, müssen wir fragen:
Welche sechs?
Ohne Liste ist die Zahl fast wertlos.
Hat Norwegisch acht?
Die von Språkrådet verwendete Terminologie erlaubt eine systematische Achtfelderdarstellung der finiten Verbgruppen:
presens
preteritum
presens perfektum
preteritum perfektum
presens futurum
preteritum futurum
presens futurum perfektum
preteritum futurum perfektum.
Das ist eine reale und nützliche Klassifikation.
Aber auch hier muss der Satz vollständig bleiben:
acht Kategorien innerhalb dieses grammatischen Modells.
Nicht:
Die Sprache besitzt metaphysisch exakt acht Zeiten.
Könnten wir noch mehr zählen?
Natürlich.
Sobald wir weitere Zukunftsstrategien, Modalität, Passiv, aspektuelle Konstruktionen oder andere grammatische Kombinationen als separate Einheiten behandeln, steigt die Zahl.
Doch dann haben wir das ursprüngliche Zählkriterium verändert.
Die Mathematik kann korrekt sein.
Die Kategorie kann trotzdem falsch definiert sein.
Die überraschendste Antwort ist deshalb keine Zahl
Die Frage:
Wie viele Zeitformen hat Norwegisch?
klingt nach einer Wissensfrage.
Tatsächlich ist sie zuerst eine Definitionsfrage.
Bevor wir zählen können, müssen wir wissen:
Was ist Tempus?
Was ist Verbform?
Was ist Verbgruppe?
Was ist Perfekt?
Was ist Zukunftsreferenz?
Was ist Modalität?
Was ist Aspekt?
Was ist ein Referenzzeitpunkt?
Was zählt unser Modell — und was nicht?
Erst danach bekommt eine Zahl Bedeutung.
Und genau hier wird Norwegisch leichter
Das klingt zunächst nach mehr Theorie.
In Wirklichkeit reduziert es die Lernlast.
Denn statt acht, zehn oder zwanzig isolierte Regeln zu speichern, können wir wenige Mechanismen verstehen:
Wo befindet sich mein zeitlicher Bezugspunkt?
Liegt das Ereignis davor, gleichzeitig oder danach?
Ist Vorzeitigkeit relevant?
Ist Zukunft gemeint?
Spielt Modalität eine Rolle?
Welche Information liefert bereits der Kontext?
Das sind übertragbare Fragen.
Sie funktionieren auch bei Sätzen, die man noch nie gesehen hat.
Grammatik wird dann nicht größer, sondern kleiner
Eine schlechte Erklärung erzeugt für jeden neuen Satz eine neue Regel.
Eine gute Erklärung sucht nach dem Mechanismus, der viele Sätze gleichzeitig erklärt.
Genau deshalb ist:
skriver
skrev
har skrevet
hadde skrevet
skal skrive
skulle skrive
skal ha skrevet
skulle ha skrevet
keine Liste von acht Problemen.
Es ist eine Möglichkeit, mehrere Kombinationen eines Systems sichtbar zu machen.
Was ein deutschsprachiger Lernender aus all dem mitnehmen sollte
Die sechs deutschen Schulzeitformen sind nützlich.
Aber sie sind keine universelle Schablone für menschliche Sprache.
Norwegisch muss kein:
Präsens
Präteritum
Perfekt
Plusquamperfekt
Futur I
Futur II
in genau derselben grammatischen Architektur besitzen, nur weil wir diese Liste aus dem Deutschen kennen.
Die produktivere Frage lautet:
Wie organisiert Norwegisch zeitliche Beziehungen selbst?
Sobald wir diese Frage stellen, hören wir auf, Norwegisch durch deutsche Schubladen zu betrachten.
Und beginnen, Norwegisch als eigenes System zu verstehen.
Die endgültige Antwort
Wie viele Zeitformen hat Norwegisch also wirklich?
Wenn jemand antwortet:
zwei,
fragen Sie:
Was wird gezählt?
Wenn jemand sagt:
vier,
fragen Sie:
Welche vier Kategorien?
Wenn jemand sagt:
sechs,
fragen Sie:
Nach welchem Modell?
Wenn jemand sagt:
acht,
fragen Sie:
Sind damit die acht Kategorien des Präsens-/Präteritumsystems gemeint?
Die entscheidende Kompetenz besteht nicht darin, die „richtige Zahl“ auswendig zu kennen.
Sie besteht darin zu verstehen, warum verschiedene Zahlen entstehen können.
Die präziseste Kurzantwort lautet deshalb:
Norwegisch hat keine sinnvoll angebbare Anzahl von „Zeitformen“, solange nicht definiert ist, welche grammatische Ebene gezählt wird.
Im morphologischen Kern steht die Opposition:
presens ↔ preteritum.
In einer erweiterten Klassifikation finiter Verbgruppen lässt sich das System wesentlich feiner gliedern.
Und die tatsächlichen Möglichkeiten, Zeit auszudrücken, sind noch größer als jede solche Tabelle.
Das ist kein Widerspruch.
Das ist Grammatik.
Norwegisch als System lernen
Wer Norwegisch nur über Übersetzungstabellen lernt, sieht schnell eine wachsende Sammlung von Sonderfällen.
Wer dagegen Tempus, Zeitreferenz, Perfekt, Zukunft, Modalität und Kontext auseinanderhalten lernt, sieht zunehmend ein zusammenhängendes System.
Genau darin liegt der Unterschied zwischen:
eine Form kennen
und:
verstehen, warum die Sprache sie benutzt.
Die englische Ausgangsuntersuchung dieses Themenkomplexes ist:
How Many Tenses Does Norwegian Really Have? The Question Is Harder Than the Number
Der vorausgehende norwegische Grammatikfall zeigt dasselbe Prinzip auf einer viel kleineren Ebene:
“På Telefon” or “I Telefonen”? Why Norwegian Can Describe the Same Phone Call in Different Ways
Weiterführende norwegische Inhalte:
Norwegisch lernen bei Levitin School
Tymur Levitin
Gründer & leitender Sprachexperte der Levitin School
In meiner Spracharbeit stehen Bedeutung, Struktur und sprachübergreifender Vergleich im Mittelpunkt — nicht das Auswendiglernen voneinander isolierter Regeln. Entscheidend ist für mich, zu verstehen, warum eine Sprache eine bestimmte Form wählt, was sich beim Wechsel der Form verändert und wie aus diesem Verständnis tatsächlich verwendbare Sprachkompetenz entsteht.
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