Ich will mit Ihnen sprechen.
Ich möchte mit Ihnen sprechen.
Beide Sätze sind grammatisch richtig.
Beide können sich auf dasselbe zukünftige Gespräch beziehen.
Und trotzdem tut ein Sprecher kommunikativ nicht genau dasselbe, wenn er will statt möchte sagt.
Die übliche Erklärung lautet:
wollen = direkt
möchten = höflicher
Für den Anfang kann diese Unterscheidung hilfreich sein. Als endgültige Erklärung reicht sie jedoch nicht aus.
Denn Höflichkeit ist nicht einfach die Bedeutung von möchten, und Direktheit ist nicht automatisch die Bedeutung von wollen.
Die interessantere Frage lautet:
Wie organisiert der Sprecher seine Absicht gegenüber einem anderen Menschen?
Erst wenn diese kommunikative Operation klarer wird, lohnt es sich, auf die grammatische Form zu schauen.
Grammatisch richtig bedeutet nicht kommunikativ gleichwertig
Beim Sprachenlernen wird häufig zuerst geprüft:
Ist dieser Satz richtig?
In einer realen Unterhaltung kommt eine zweite Frage hinzu:
Was macht dieser richtige Satz mit der Situation?
Nehmen wir wieder:
Ich will mit Ihnen sprechen.
und:
Ich möchte mit Ihnen sprechen.
Wer spricht?
Mit wem?
In welchem Verhältnis stehen die Personen zueinander?
Ist das Gespräch für den Sprecher bereits eine feststehende Absicht?
Oder wird es als gewünschte Interaktion präsentiert, an der die andere Person beteiligt ist?
Wie viel Druck entsteht?
Welche Distanz besteht zwischen den Gesprächspartnern?
Welche Reaktion wird erwartet?
Genau solche Faktoren entscheiden darüber, wie eine grammatisch richtige Form kommunikativ funktioniert.
Das ist auch der Grund, warum deutsche Wörter in realen Gesprächen nicht isoliert verstanden werden können: Intention, Ton, Status, Nähe und Situation gehören zur Bedeutung einer Äußerung dazu.
Was geschieht bei „Ich will mit Ihnen sprechen“?
Bei:
Ich will mit Ihnen sprechen.
tritt der Wille beziehungsweise die Richtung des Sprechers stärker in den Vordergrund.
Man kann die kommunikative Bewegung ungefähr so darstellen:
Ich → meine Absicht → das Gespräch
Der Sprecher macht deutlich, dass dieses Gespräch von seiner Seite aus gewollt ist.
Das bedeutet nicht automatisch:
unhöflich.
Stellen wir uns eine Situation vor, in der ein Problem bereits mehrmals angesprochen wurde.
— Leider können wir Ihnen nicht weiterhelfen.
— Dann will ich mit Ihrem Vorgesetzten sprechen.
Hier kann gerade die stärkere Entschlossenheit die relevante Information sein.
Der Sprecher möchte nicht unbedingt jemanden beleidigen.
Er verändert seine kommunikative Position.
Aus einem möglichen Wunsch wird eine deutlich markierte Absicht.
Was verändert „Ich möchte mit Ihnen sprechen“?
Bei:
Ich möchte mit Ihnen sprechen.
bleibt der Wunsch ebenfalls eindeutig.
Aber er wird anders präsentiert.
Die andere Person bleibt stärker innerhalb der kommunikativen Konstruktion sichtbar.
Vereinfacht:
Ich → gewünschtes Gespräch → Sie und ich
Deshalb funktioniert möchten besonders natürlich in vielen beruflichen, institutionellen und dienstleistungsbezogenen Situationen.
Aber auch hier wäre:
möchten = höflich
zu wenig.
Interessanter ist:
Der Sprecher präsentiert das Gewünschte so, dass die Interaktion selbst Teil der Äußerung bleibt.
Ein Spieler und Zusammenspiel: ein pädagogisches Modell
Für Lernende kann man den Unterschied zunächst mit einem einfachen Bild erfassen:
wollen → ein Spieler
möchten → Zusammenspiel
Bei wollen steht die eigene Willensrichtung leichter im Vordergrund.
Bei möchten lässt sich das Gewünschte leichter als Teil einer Interaktion darstellen.
Wichtig ist jedoch:
Das ist ein pädagogisches Arbeitsmodell und kein absolutes Gesetz der deutschen Sprache.
Deutsche Sprecher teilen ihre Sätze nicht bewusst in „Ein-Spieler-“ und „Zusammenspiel-Sätze“ ein.
Intonation, Beziehung, Kontext, Konvention und Satztyp können den Unterschied verstärken, abschwächen oder anders organisieren.
Der Wert des Modells liegt an einer anderen Stelle:
Es gibt dem Lernenden eine Entscheidungsoperation statt zweier Wörter mit fast derselben Übersetzung.
Eine grammatische Erklärung wird besonders nützlich, wenn sie nicht nur sagt, wie eine Form heißt, sondern dem Lernenden hilft zu erkennen, unter welchen Bedingungen diese Form eine kommunikative Aufgabe löst. Genau dieser Übergang vom Auswendiglernen zum Verstehen sprachlicher Logik gehört zur Methodik der Levitin Language School.
Ich will mit dem Chef sprechen / Ich möchte mit dem Chef sprechen
Stellen wir uns zunächst eine Rezeption vor.
Sie kommen in ein Unternehmen und sagen:
Ich möchte mit dem Chef sprechen.
Das Gewünschte wird innerhalb einer Interaktion präsentiert.
Die Person an der Rezeption muss reagieren, organisieren, nachfragen oder den Kontakt ermöglichen.
Nun verändern wir nur die Situation.
Seit Tagen wird ein ernstes Problem nicht gelöst.
Sie haben mehrfach angerufen.
Wieder hören Sie:
— Da kann ich leider nichts machen.
Jetzt sagen Sie:
Ich will mit dem Chef sprechen.
Plötzlich ist die stärkere Markierung des eigenen Willens möglicherweise kein kommunikativer Fehler.
Sie ist die Botschaft.
Die Handlung kann dieselbe sein.
Die kommunikative Position ist es nicht.
Ich will nach Deutschland fahren / Ich möchte nach Deutschland fahren
Vergleichen wir:
Ich will nach Deutschland fahren.
Ich möchte nach Deutschland fahren.
Hier kann der Unterschied schwächer werden.
Ich will nach Deutschland fahren kann eine klare persönliche Richtung oder einen Plan hervorheben.
Ich möchte nach Deutschland fahren kann die Reise leichter als Wunsch oder gewünschte Möglichkeit präsentieren.
Aber stellen wir uns zwei Freunde vor, die über den nächsten Urlaub sprechen.
In diesem Kontext können beide Formen problemlos vorkommen.
Das ist wichtig.
Ein gutes Modell muss nicht nur erklären, wo ein Unterschied sichtbar wird.
Es muss auch zeigen können, wo der Kontext diesen Unterschied kleiner macht.
Was willst du? / Was möchtest du?
Besonders deutlich wird das Problem in Fragen.
Was willst du?
ist keineswegs grundsätzlich unhöflich.
Eltern können ein Kind fragen:
Was willst du trinken?
Freunde können sagen:
Was willst du am Wochenende machen?
Völlig normales Deutsch.
Nun verändert sich die Situation.
Jemand steht plötzlich vor Ihrer Tür. Es gibt bereits einen Konflikt.
Was willst du?
kann jetzt fast bedeuten:
Was willst du von mir?
Nicht das Verb allein hat die Aggressivität erzeugt.
Situation, Beziehung, Intonation und Form arbeiten zusammen.
Vergleichen wir:
Was möchten Sie trinken?
In einem Restaurant ist diese Form nicht einfach deshalb normal, weil der Kellner „höflich sein muss“.
Die Äußerung organisiert eine Situation, in der der Wunsch des Gastes Teil eines gemeinsamen Ablaufs ist.
Bestellen, reagieren, bringen.
Interaktion ist bereits in die Situation eingebaut.
Höflichkeit ist nicht die Bedeutung von möchten
Damit kommen wir zu einem entscheidenden Punkt.
Höflichkeit entsteht nicht dadurch, dass ein einzelnes Wort ein unsichtbares Etikett „höflich“ trägt.
Sie entsteht aus dem Zusammenspiel mehrerer Faktoren:
Form
du / Sie
Intonation
soziale Distanz
Beziehung
Situation
Erwartung
kommunikatives Ziel
Deshalb kann:
Willst du einen Kaffee?
zwischen Freunden vollkommen freundlich sein.
Und:
Ich möchte jetzt sofort mit Ihrem Chef sprechen.
kann trotz möchte erheblichen Druck erzeugen.
Wer nur die Verben vergleicht, sieht deshalb nur einen Teil des kommunikativen Systems.
Warum möchte grammatisch besonders ist
Eine grammatische Information hilft uns, die heutige Funktion besser zu verstehen.
möchte gehört historisch und grammatisch zu mögen und ist eine Form des Konjunktivs II.
Das erklärt zumindest teilweise, warum ein Wunsch mit möchte anders perspektiviert werden kann als ein unmittelbar hervorgehobener Wille mit wollen.
Mehr Grammatikgeschichte brauchen wir für unsere Entscheidung zunächst nicht.
Die grammatische Herkunft ist dann nützlich, wenn sie die moderne Funktion verständlicher macht.
Sie sollte die Funktion nicht unter Terminologie begraben.
Wollen im System der deutschen Modalverben
Wollen steht außerdem nicht isoliert.
Es gehört zum größeren System der deutschen Modalverben.
Modalverben beschreiben nicht einfach eine Handlung.
Sie verändern die Beziehung zwischen einer Person und einer Handlung:
Kann sie stattfinden?
Muss sie stattfinden?
Soll sie stattfinden?
Will der Sprecher sie?
Damit wird verständlich, warum wollen für unsere Analyse so interessant ist.
Die Form trägt die Position des Sprechers zur Handlung mit in den Satz.
Bei wollen / möchten gehen wir nun noch einen Schritt weiter und fragen:
Wie wird diese Position gegenüber einem anderen Menschen kommunikativ organisiert?
Ein praktischer Entscheidungstest
Statt zuerst zu fragen:
Welches Verb ist höflicher?
kann man vier andere Fragen stellen.
1. Stelle ich vor allem meinen eigenen Willen, meine Entscheidung oder meine Richtung heraus?
Dann prüfen wir wollen.
Ich will das ändern.
2. Präsentiere ich etwas Gewünschtes innerhalb einer Interaktion?
Dann prüfen wir möchten.
Ich möchte mit Ihnen darüber sprechen.
3. Muss die andere Person reagieren, ermöglichen, organisieren, erlauben oder etwas bereitstellen?
Dann wird möchten häufig zu einem besonders natürlichen Kandidaten.
4. Soll meine Entschlossenheit ausdrücklich Teil der Botschaft sein?
Dann kann wollen genau die richtige Form sein.
Aber:
Dieser Test ist kein Algorithmus.
Nach der ersten Entscheidung muss immer noch die ganze Situation geprüft werden.
Grenzfälle: Wenn ein gutes Modell sich selbst begrenzen muss
Ein Kind sagt:
Ich will Eis!
Das kann fordernd klingen.
Die Mutter fragt:
Willst du Eis?
Das muss überhaupt nicht fordernd klingen.
Ein Freund fragt:
Willst du mitkommen?
Normal.
Eine Mitarbeiterin im Hotel fragt:
Möchten Sie frühstücken?
Ebenfalls normal.
Ein Freund fragt zu Hause:
Möchtest du einen Kaffee?
Auch normal.
Wenn wir daraus die neue Regel machen:
wollen = ein Spieler
möchten = Zusammenspiel
haben wir nur eine alte Vereinfachung durch eine neue ersetzt.
Ein Arbeitsmodell ist erfolgreich, wenn es uns hilft, bessere Fragen zu stellen.
Nicht wenn es das Denken überflüssig macht.
Typische Lernfehler
Fehler 1: möchten nur als „höfliches wollen“ lernen
Damit wird eine kommunikative Funktion auf eine Höflichkeitsskala reduziert.
Fehler 2: wollen vermeiden, weil es angeblich unhöflich ist
Dadurch verlieren Lernende ein völlig normales Mittel, um Wille, Richtung und Entschlossenheit auszudrücken.
Fehler 3: zuerst das Verb wählen und danach die Situation erfinden
Die sinnvollere Reihenfolge ist umgekehrt:
Absicht → Situation → Beziehung → Form
Fehler 4: zwei ähnliche Formen als Synonyme speichern
Wenn zwei Formen in einer anderen Sprache ähnlich übersetzt werden können, braucht der Lernende nicht nur zwei Übersetzungen.
Er braucht zwei unterscheidbare Entscheidungsoperationen.
Kurze Dialoge: dieselbe Grammatik, unterschiedliche Entscheidungen
An der Rezeption
— Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?
— Ich möchte mit Frau Schneider sprechen.
— Haben Sie einen Termin?
Das gewünschte Gespräch wird innerhalb eines gemeinsamen Ablaufs organisiert.
Nach mehreren erfolglosen Versuchen
— Mehr können wir leider nicht tun.
— Dann will ich mit dem Geschäftsführer sprechen.
Die Entschlossenheit selbst wird kommunikativ relevant.
Unter Freunden
— Was willst du am Wochenende machen?
— Ich will nach Hamburg fahren.
Direkt, natürlich, unproblematisch.
Im Restaurant
— Was möchten Sie bestellen?
— Ich möchte die Suppe.
Der Wunsch gehört zu einer koordinierten Interaktion.
Zukunftspläne
— Was willst du nach dem Studium machen?
— Ich will in Deutschland arbeiten.
Hier steht die persönliche Richtung des Sprechers sehr natürlich im Vordergrund.
Sprache beginnt vor der Grammatik
Bevor ein Sprecher will oder möchte sagt, ist bereits etwas Entscheidendes passiert.
Er hat — bewusst oder unbewusst — eine kommunikative Aufgabe.
Vielleicht will er:
eine Entscheidung mitteilen,
einen Wunsch präsentieren,
Kooperation erreichen,
Druck erzeugen oder reduzieren,
eine Grenze markieren,
eine Möglichkeit öffnen,
oder eine andere Person zu einer Reaktion bewegen.
Deshalb kann man Sprache als eine Architektur kommunikativer Entscheidungen betrachten:
Spreche ich?
Was sage ich?
Wie sage ich es?
Zu wem?
Wann?
Wo?
Warum?
Die grammatische Form befindet sich innerhalb dieser Architektur.
Nicht außerhalb davon.
Auch andere Bereiche der deutschen Grammatik werden verständlicher, wenn wir nicht nur fragen, wie eine Konstruktion gebildet wird, sondern wo Deutsch eine bestimmte Form tatsächlich wählt, was sie ausdrücken kann und warum an anderer Stelle eine andere Konstruktion erscheint.
Grammatik wird dann von einer Sammlung von Formen zu einem System von Entscheidungen.
Wollen oder möchten: Welche Entscheidung treffe ich?
Die Schlussfolgerung lautet nicht:
wollen = unhöflich
möchten = höflich
Und auch nicht:
wollen = immer ein Spieler
möchten = immer Zusammenspiel
Die Arbeitsunterscheidung ist präziser:
Wollen rückt den Willen, die Absicht oder die Richtung des Sprechers leichter in den Vordergrund.
Möchten ermöglicht es besonders leicht, das Gewünschte so zu präsentieren, dass die Interaktion mit einer anderen Person innerhalb der kommunikativen Konstruktion sichtbar bleibt.
Danach entscheiden Situation, Beziehung, Distanz, Intonation und kommunikatives Ziel mit.
Deshalb sind:
Ich will mit Ihnen sprechen.
und
Ich möchte mit Ihnen sprechen.
beide grammatisch richtig.
Aber sie organisieren die Absicht des Sprechers nicht auf dieselbe Weise.
Wer Deutsch wirklich beherrschen will, muss deshalb nicht nur lernen, welche Formen korrekt sind.
Er muss lernen zu erkennen, welche kommunikative Entscheidung eine Form in einer konkreten Situation ermöglicht.
Wenn Deutsch nicht nur für Übungen, sondern für Gespräche, Beruf, Alltag oder ein Leben im deutschsprachigen Umfeld gebraucht wird, müssen solche Unterschiede irgendwann aus der Erklärung in die eigene Sprachentscheidung übergehen. Beim Deutschlernen an der Levitin Language School steht deshalb nicht nur die Frage im Mittelpunkt, welche Form existiert, sondern wie Sprache in realen Situationen funktioniert.
Über den Autor
Tymur Levitin
Gründer und Direktor der Levitin Language School / Start Language School by Tymur Levitin. Lehrer für Deutsch und Englisch, professioneller Übersetzer und Autor eines methodischen Ansatzes, der Grammatik mit Bedeutung, Absicht, Situation und kommunikativen Entscheidungen verbindet.
© Tymur Levitin. Alle Rechte vorbehalten.
Eigenständige pädagogische Analyse und Methodik.
