Wer anfängt, Deutsch zu lernen, stellt fast zwangsläufig irgendwann dieselbe Frage:
Wie lange brauche ich, bis ich Deutsch kann?
Drei Monate?
Ein halbes Jahr?
Ein Jahr?
Zwei Jahre?
Die Frage klingt vernünftig. Schließlich planen wir auch andere Vorhaben in Zeiträumen. Wir möchten wissen, wie lange eine Ausbildung dauert, wann ein Projekt abgeschlossen sein wird oder wie viele Stunden wir für eine bestimmte Aufgabe benötigen.
Beim Sprachenlernen entsteht dabei jedoch ein grundlegendes Problem:
„Deutsch können“ bezeichnet keinen eindeutig messbaren Zustand.
Ein Mensch möchte vielleicht nach Deutschland ziehen und seinen Alltag selbstständig bewältigen. Ein anderer muss Besprechungen mit deutschsprachigen Kollegen führen. Eine Studentin möchte Fachliteratur lesen. Jemand braucht Deutsch für Kundenkommunikation. Ein anderer Lernender möchte deutsche Filme ohne Untertitel verstehen oder mit der Familie seines Partners sprechen.
Alle lernen dieselbe Sprache.
Aber sie bauen nicht dieselbe sprachliche Kompetenz auf.
Deshalb ist die entscheidende Frage nicht:
Wie lange dauert es, Deutsch zu lernen?
Sondern:
Welches Deutsch muss für mich verfügbar werden — und was muss ich damit tatsächlich tun können?
Wer genau dieses Ziel systematisch entwickeln möchte, findet auf der Seite Deutsch lernen bei Levitin Language School den entsprechenden Sprachbereich der Schule.
Die Lernzeit beginnt nicht beim Kalender, sondern beim Ziel
Stellen wir uns zwei Lernende vor.
Der erste zieht in einigen Monaten nach Deutschland.
Er muss:
- Termine vereinbaren;
- mit Vermietern oder Nachbarn sprechen;
- beim Arzt erklären, was passiert ist;
- telefonieren;
- Fragen verstehen;
- Dienstleistungen organisieren;
- alltägliche Probleme lösen.
Die zweite Person lebt bereits seit Jahren in einem deutschsprachigen Umfeld und kommuniziert im Alltag problemlos. Nun beginnt sie jedoch ein Studium.
Plötzlich muss sie:
- Vorlesungen folgen;
- wissenschaftliche Texte lesen;
- komplexe Zusammenhänge erklären;
- Fachbegriffe verstehen;
- Argumente entwickeln;
- schriftlich präzise formulieren.
Wer von beiden braucht länger, um „Deutsch zu lernen“?
Die Frage lässt sich so nicht beantworten.
Der zweite Lernende besitzt möglicherweise einen wesentlich größeren allgemeinen Wortschatz. Der erste benötigt dagegen bestimmte sprachliche Funktionen dringend und innerhalb kurzer Zeit.
Lernzeit wird erst dann sinnvoll messbar, wenn aus „Deutsch lernen“ eine konkrete Aufgabe wird.
Nicht jede Stunde Deutsch erzeugt dieselbe Entwicklung
Zwei Menschen lernen jeweils fünf Stunden pro Woche.
Nach außen sieht ihr Lernaufwand identisch aus.
Doch der erste verbringt seine fünf Stunden hauptsächlich damit,
- Wortlisten zu lesen;
- bekannte Übungen zu wiederholen;
- Grammatikregeln anzusehen;
- Erklärvideos zu konsumieren.
Der zweite muss während derselben Zeit,
- Wörter aktiv abrufen;
- eigene Sätze bilden;
- auf unerwartete Fragen reagieren;
- unbekannte Äußerungen verstehen;
- Entscheidungen über Grammatik treffen;
- Fehler analysieren;
- bekannte Strukturen in neuen Situationen verwenden.
Beide können anschließend sagen:
„Ich habe fünf Stunden Deutsch gelernt.“
Kognitiv haben sie jedoch etwas völlig anderes getan.
Das ist einer der Gründe, warum Angaben über die durchschnittliche Deutsch-Lernzeit nur begrenzt aussagekräftig sind.
Die Zahl der Stunden zählt.
Aber entscheidender ist, was innerhalb dieser Stunden mit der Sprache geschieht.
Eine realistischere Formel für die Lernzeit
Statt
Deutsch = X Monate
ist eine andere Vorstellung hilfreicher:
Ausgangspunkt × Ziel × sprachliche Distanz × Kontakt × Abruf × Anwendung × Feedback × Transfer
Jede dieser Größen verändert den Lernweg.
Ausgangspunkt
Was kann der Lernende bereits?
Ziel
Wofür soll Deutsch eingesetzt werden?
Sprachliche Distanz
Welche bekannten Sprachen helfen — und welche erzeugen möglicherweise falsche Analogien?
Kontakt
Wie viel relevantes Deutsch begegnet dem Lernenden tatsächlich?
Abruf
Wie schnell kann bereits Gelerntes ohne Hilfe aktiviert werden?
Anwendung
Wie häufig muss der Lernende selbst sprachliche Entscheidungen treffen?
Feedback
Werden Fehler nur korrigiert oder werden ihre Ursachen erkannt?
Transfer
Funktioniert das Gelernte auch außerhalb der Übung, in der es ursprünglich trainiert wurde?
Damit verändert sich die Perspektive vollständig.
Wir fragen nicht mehr nur:
Wie viel Zeit wurde investiert?
Wir fragen:
Was ist durch diese Zeit selbstständig verfügbar geworden?
Die Muttersprache verändert den Weg zum Deutschen
Deutsch ist nicht für jeden Lernenden gleich weit entfernt.
Wer Englisch spricht, erkennt zahlreiche germanische Verwandtschaften und kann einen Teil des Wortschatzes schneller erschließen.
Wer bereits Niederländisch beherrscht, startet aus einer anderen sprachlichen Position.
Für ukrainisch- oder russischsprachige Lernende ist die Vorstellung grammatischer Fälle grundsätzlich nichts Neues. Dafür entstehen andere Schwierigkeiten.
Wer aus einer Sprache ohne grammatisches Genus kommt, muss das deutsche System von der, die, das anders aufbauen als jemand, dessen Erstsprache bereits mit Genus arbeitet.
Das bedeutet:
Die Frage
„Ist Deutsch schwer?“
ist eigentlich unvollständig.
Sinnvoller wäre:
Welche Teile des deutschen Systems sind für genau diesen Lernenden neu, welche bereits vertraut und welche nur scheinbar vertraut?
Denn sprachliche Ähnlichkeit beschleunigt nicht nur.
Sie kann auch täuschen.
Ein bekannt aussehendes Wort kann eine andere Bedeutung haben. Eine vertraut wirkende Satzstruktur kann im Deutschen anderen Bedingungen folgen. Eine Ähnlichkeit zwischen Englisch und Deutsch kann beim Wortschatz helfen und gleichzeitig beim Satzbau zu falschen Entscheidungen führen.
Vorwissen verkürzt also nicht einfach die Lernzeit.
Es verändert die Art der Lernarbeit.
Warum Deutsch verstehen und Deutsch sprechen zwei verschiedene Zeitachsen haben
Viele Lernende erleben ein merkwürdiges Stadium:
Sie verstehen erstaunlich viel — aber beim Sprechen fehlt plötzlich alles.
Das ist kein Widerspruch.
Beim Lesen oder Hören ist Sprache bereits vorhanden.
Der Lernende muss sie erkennen und interpretieren.
Beim Sprechen muss er Sprache dagegen selbst erzeugen.
Er muss gleichzeitig:
- eine Absicht formulieren;
- passende Wörter abrufen;
- grammatische Beziehungen herstellen;
- die Satzstruktur organisieren;
- die Reaktion des Gesprächspartners beobachten;
- gegebenenfalls korrigieren oder umformulieren.
Deshalb kann jemand einen deutschen Satz problemlos verstehen und trotzdem Schwierigkeiten haben, einen vergleichbaren Satz spontan selbst zu bilden.
Zwischen
„Ich erkenne diese Struktur“
und
„Ich kann sie in einem unerwarteten Gespräch automatisch verwenden“
liegen mehrere Entwicklungsschritte.
Eine sinnvolle Abfolge lautet:
Erkennen → Rekonstruieren → kontrolliertes Produzieren → Abrufen → spontanes Verwenden → flexibler Transfer
Genau hier entsteht häufig eine falsche Wahrnehmung der eigenen Lernzeit.
Ein Lernender denkt:
„Ich habe das doch schon vor Monaten gelernt.“
Ja — vielleicht wurde die Struktur vor Monaten erklärt.
Aber erklärt, verstanden, abrufbar und spontan verfügbar sind nicht dasselbe.
Warum deutsche Grammatik beim Sprechen schwieriger wirkt als im Lehrbuch
Ein Grammatikbuch kann Deutsch in einzelne Kapitel zerlegen:
- Nominativ;
- Akkusativ;
- Dativ;
- Genitiv;
- Artikel;
- Adjektivendungen;
- Präpositionen;
- Wortstellung;
- Verbformen.
Für die Erklärung ist diese Trennung sinnvoll.
In echter Kommunikation verschwindet sie jedoch.
Wenn Sie einen einzigen Satz formulieren, können gleichzeitig mehrere Entscheidungen notwendig sein:
Welches Substantiv brauche ich?
Welches Genus hat es?
Welcher Kasus entsteht in dieser Situation?
Welche Artikelform folgt daraus?
Welche Adjektivendung ist erforderlich?
Wo steht das Verb?
Welche Zeitperspektive brauche ich?
Welche Präposition beschreibt die Beziehung so, wie ich sie ausdrücken möchte?
Die eigentliche Schwierigkeit liegt deshalb häufig nicht in einer einzelnen Regel.
Sie liegt in der Koordination mehrerer Entscheidungen unter Zeitdruck.
Im Arbeitsblatt steht vielleicht:
Setzen Sie den richtigen Artikel im Dativ ein.
Damit ist ein Teil des Problems bereits gelöst: Der Lernende weiß, dass jetzt der Dativ geprüft wird.
Im echten Gespräch sagt niemand:
„Achtung, der nächste Satz benötigt einen Dativ.“
Die Situation muss zuerst erkannt werden.
Dann muss die grammatische Beziehung gewählt werden.
Erst danach entsteht die Form.
Wer Deutsch systematisch lernen möchte, braucht deshalb nicht nur Regeln, sondern ein Training, das diese Regeln schrittweise in reale sprachliche Entscheidungen überführt.
Warum vier Fälle nicht vier erledigte Kapitel sind
Die Frage
„Wie lange brauche ich, um die deutschen Fälle zu lernen?“
enthält dieselbe versteckte Annahme wie die große Frage nach der gesamten Sprache.
Sie behandelt Nominativ, Akkusativ, Dativ und Genitiv wie vier Kapitel, die irgendwann abgeschlossen werden.
Aber Kasus sind keine isolierten Themen.
Sie sind Teil der Architektur deutscher Nominalgruppen und interagieren unter anderem mit:
- Verben;
- Präpositionen;
- Artikeln;
- Pronomen;
- Adjektiven;
- Satzstrukturen;
- Bedeutungsbeziehungen.
Man kann das Grundprinzip des deutschen Kasussystems relativ früh verstehen.
Es in neuen Situationen schnell, zuverlässig und ohne ständige bewusste Berechnung einzusetzen, dauert länger.
Wieder gilt:
Das Modell verstanden zu haben bedeutet noch nicht, dass das Modell automatisch verfügbar ist.
Auch Wortschatz hat verschiedene Zustände
Angenommen, jemand kennt 3.000 deutsche Wörter.
Was bedeutet kennen?
Kann die Person sie beim Lesen erkennen?
Kann sie ihre Bedeutung erklären?
Kann sie sie ohne Vorgabe abrufen?
Kennt sie bei Substantiven das Genus?
Kennt sie typische Verbindungen?
Kann sie das Wort in einem formellen und informellen Kontext unterscheiden?
Kann sie es spontan in einem Gespräch einsetzen?
Ein Wort kann sich im mentalen Lexikon in sehr unterschiedlichen Zuständen befinden:
erkannt → verstanden → abrufbar → kontrolliert verwendbar → spontan verwendbar → flexibel einsetzbar
Deshalb sagt auch die reine Anzahl gelernter Wörter wenig darüber aus, wann echte Deutschkenntnisse praktisch verfügbar werden.
Hinzu kommt, dass Wörter nicht gleich viel Lernarbeit verlangen.
Haus lässt sich relativ leicht mit einem konkreten Konzept verbinden.
gehen ebenfalls.
Ein Wort wie doch kann wesentlich mehr Zeit benötigen, weil seine Funktion vom Kontext, von Erwartungen, vom Gesprächsverlauf und von der Haltung des Sprechers abhängt.
Zehn neue Wörter sind deshalb nicht automatisch zehn gleich große Lernaufgaben.
„Fließend Deutsch“ ist kein einzelner Zustand
Der Begriff German fluency beziehungsweise fließendes Deutsch klingt eindeutig, ist es aber nicht.
Für einen Menschen bedeutet fließend:
ohne lange Pausen sprechen.
Für einen anderen:
sich trotz Fehlern problemlos verständigen.
Für einen dritten:
komplexe berufliche Gespräche führen.
Andere verbinden damit:
- schnelle gesprochene Sprache verstehen;
- idiomatisch klingen;
- wissenschaftlich diskutieren;
- präzise schreiben;
- spontan auf unerwartete Situationen reagieren.
Diese Fähigkeiten entwickeln sich nicht zwangsläufig gleichzeitig.
Deshalb ist
„Ich möchte fließend Deutsch sprechen“
als Motivation verständlich, aber als Lernziel zu ungenau.
Vergleichen wir damit:
„Ich möchte ein zwanzigminütiges berufliches Gespräch auf Deutsch führen können, ohne ins Englische wechseln zu müssen.“
Jetzt entsteht ein trainierbares Ziel.
Wir können beobachten:
Was funktioniert bereits?
Wo bricht die Kommunikation zusammen?
Fehlt Wortschatz?
Fehlt Hörverstehen?
Ist die Grammatik zu langsam verfügbar?
Fehlen Strategien zum Nachfragen?
Genau dadurch wird aus einem Wunsch ein Lernplan.
Sprachniveaus helfen — aber sie sind nicht die Sprache selbst
A1, A2, B1, B2, C1 und C2 sind nützliche Orientierungspunkte.
Sie schaffen eine gemeinsame Sprache für Lernende, Lehrkräfte und Institutionen.
Doch ein Niveau beschreibt nicht jedes Detail der tatsächlichen Kompetenz.
Zwei Menschen mit ungefähr demselben Niveau können sich stark unterscheiden.
Der eine liest sehr gut, spricht aber langsam.
Die andere kommuniziert spontan, macht jedoch viele grammatische Fehler.
Ein Lernender besitzt umfangreichen Fachwortschatz, hat aber Schwierigkeiten mit Alltagssprache.
Ein anderer wirkt im Gespräch sehr sicher, kann aber komplexe schriftliche Texte kaum bearbeiten.
Deshalb ist auch die Frage
„Wie lange brauche ich von A2 bis B1?“
für eine grobe Planung brauchbar, aber keine universelle mathematische Konstante.
Der Lernweg hängt davon ab, welche Fähigkeiten innerhalb dieses Weges tatsächlich entwickelt werden müssen.
Fortschritt verläuft nicht linear
Am Anfang ist Entwicklung leicht sichtbar.
Heute kennt man zehn Wörter.
Nächste Woche fünfzig.
Dann kommen erste Fragen, erste Verben, erste kleine Gespräche.
Das Gefühl des Fortschritts ist stark.
Später kann ein Lernender wesentlich kompetenter werden und trotzdem den Eindruck haben, kaum voranzukommen.
Warum?
Weil fortgeschrittene Entwicklung häufig nicht mehr bedeutet, ständig neue Grundelemente zu entdecken.
Sie bedeutet:
- schneller abzurufen;
- präziser zu unterscheiden;
- komplexere Situationen zu bewältigen;
- Register angemessen zu wählen;
- schwierigere Sprecher zu verstehen;
- flexibler umzuformulieren;
- weniger Unterstützung zu benötigen.
Diese Entwicklung ist real, aber weniger spektakulär.
Ein Plateau bedeutet deshalb nicht automatisch Stillstand.
Vielleicht hat sich das offizielle Niveau nicht verändert.
Aber ein Gespräch, das früher enorme Konzentration verlangte, funktioniert heute fast selbstverständlich.
Das ist Fortschritt.
Der Zweck entscheidet, welches Deutsch zuerst gebraucht wird
Deutsch für eine Reise.
Deutsch für den Umzug.
Deutsch für den Beruf.
Deutsch für ein Studium.
Deutsch für Medizin.
Deutsch für Technik.
Deutsch für Mathematik.
Deutsch für Wirtschaft.
Deutsch für Kundenkommunikation.
Deutsch für wissenschaftliches Arbeiten.
Diese Bereiche besitzen eine gemeinsame sprachliche Grundlage.
Sie benötigen aber nicht dieselbe Reihenfolge.
Ein Ingenieur muss möglicherweise früh technische Texte lesen und präzise räumliche oder kausale Beziehungen beschreiben.
Eine Person im Kundenservice braucht sehr früh Hörverstehen, Höflichkeit, Gesprächssteuerung und Strategien zur Klärung von Missverständnissen.
Ein Student der Wirtschaftswissenschaften muss Fachbegriffe, Diagramme, Argumentationen und Ursache-Wirkungs-Beziehungen verstehen.
Die schnellste Lernroute ist deshalb nicht die Route, die möglichst schnell möglichst viele Kapitel abhakt.
Sie ist die Route, die das richtige Deutsch in der richtigen Reihenfolge verfügbar macht.
Wenn Deutsch zum Arbeitsmedium eines anderen Faches wird
Hier verändert sich die Lernarchitektur noch einmal.
Nehmen wir einen Studenten, der Wirtschaft auf Deutsch studieren möchte.
Muss er zuerst jahrelang „Deutsch fertig lernen“ und erst danach mit wirtschaftlichen Inhalten beginnen?
Nicht unbedingt.
Ab einem bestimmten Punkt kann diese Trennung sogar ineffizient werden.
Denn der Student benötigt nicht nur allgemeines Deutsch.
Er muss auf Deutsch:
- Diagramme interpretieren;
- Fachbegriffe unterscheiden;
- Ursachen erklären;
- Argumente nachvollziehen;
- Definitionen verstehen;
- Schlussfolgerungen formulieren.
Dasselbe Prinzip kann für Mathematik, Physik, Chemie, Geografie, Geschichte, Programmierung und andere Fachgebiete gelten.
Genau hier entsteht die dritte Ebene des Lernens:
Language + Subject — Sprache + Fach.
Die Sprache ist dann nicht mehr nur Lerngegenstand.
Sie wird zum Medium, in dem fachliches Denken stattfindet.
Berufliches Deutsch ist nicht einfach „mehr allgemeines Deutsch“
Ein Mensch kann im Alltag problemlos Deutsch sprechen und trotzdem am Arbeitsplatz Schwierigkeiten haben.
Das ist keineswegs ungewöhnlich.
Berufliche Kommunikation besitzt eigene:
- Fachbegriffe;
- Textsorten;
- Gesprächsmuster;
- Höflichkeitskonventionen;
- Abkürzungen;
- Dokumente;
- Erwartungen;
- Entscheidungsstrukturen.
Eine Ärztin, ein Programmierer, ein Lehrer, eine Übersetzerin, ein Ingenieur und ein Verkäufer benötigen nicht dasselbe Deutsch.
Deshalb ist die Vorstellung
„Zuerst lerne ich allgemeines Deutsch bis zu einem hohen Niveau und danach berufliches Deutsch“
nicht immer die effizienteste Lösung.
Ein Teil der beruflichen Sprache kann und sollte gemeinsam mit der beruflichen Aufgabe wachsen.
Kann man Deutsch schnell lernen?
Ja — bestimmte Fähigkeiten durchaus.
Wer ein klares Ziel besitzt, regelmäßig arbeitet, relevantes Deutsch hört und liest, Sprache aktiv abrufen muss und brauchbares Feedback erhält, kann innerhalb relativ kurzer Zeit sehr viel praktische Handlungsfähigkeit entwickeln.
Problematisch wird Deutsch schnell lernen erst dann, wenn „schnell“ mit einem undefinierten Versprechen verbunden wird:
„In drei Monaten fließend Deutsch.“
Fließend wobei?
Im Restaurant?
In einer Projektbesprechung?
Bei einem Bewerbungsgespräch?
Beim Lesen wissenschaftlicher Literatur?
Mit welcher Ausgangssprache?
Mit wie vielen Stunden Kontakt pro Tag?
Mit welchem Grad an Genauigkeit?
Ohne diese Informationen ist eine präzise Zeitangabe keine Diagnose.
Sie ist nur eine Zahl.
Was Deutschlernen unnötig verlangsamt
Nicht jede lange Lernzeit ist unvermeidbar.
Bestimmte Lernmuster kosten tatsächlich unnötig Zeit.
Isolierte Wörter lernen
Ein deutsches Substantiv besteht für den Lernenden nicht nur aus seiner Übersetzung.
Genus, Plural, typische Verbindungen und Verwendung können dazugehören.
Grammatik nur auswendig lernen
Eine Dativtabelle zu kennen bedeutet noch nicht, in einer neuen Situation zu erkennen, warum Dativ benötigt wird.
Sprechen vermeiden, bis man „bereit“ ist
Produktion zeigt erst, was tatsächlich verfügbar ist.
Viel sprechen, ohne wiederkehrende Probleme zu untersuchen
Kommunikation allein garantiert nicht, dass ineffiziente oder falsche Muster verschwinden.
Jede Spracheinheit vollständig übersetzen
Übersetzung kann ein starkes Lerninstrument sein. Wird sie jedoch zum obligatorischen Zwischenschritt vor jedem Satz, kann sie spontane Produktion verlangsamen.
Alles gleichzeitig lernen
Nicht jedes Lernziel benötigt jeden Teil der Sprache zur selben Zeit.
Gute Deutschstunden verkürzen nicht einfach die Zeit — sie verändern den Lernweg
Die Frage „Wie viele Deutschstunden brauche ich?“ lässt sich ebenfalls nicht isoliert beantworten.
Eine Unterrichtsstunde kann:
- ein Problem sichtbar machen;
- ein Modell erklären;
- eine falsche Annahme korrigieren;
- kontrollierte Übung ermöglichen;
- eine sprachliche Entscheidung trainieren;
- Feedback liefern.
Doch danach muss etwas Entscheidendes passieren:
Der Lernende muss das Gelernte ohne dieselbe Unterstützung wieder abrufen können.
Ein produktiver Zyklus sieht deshalb eher so aus:
Erklärung → Abruf → Anwendung → Feedback → Anpassung → selbstständige Verfügbarkeit
Genau deshalb sind individuelle Deutschstunden dann besonders sinnvoll, wenn Unterricht nicht als Ansammlung behandelter Kapitel verstanden wird, sondern als Teil eines größeren Systems, das immer mehr Entscheidungen an den Lernenden übergibt.
Die Lehrkraft sollte mit der Zeit weniger notwendig werden
Das klingt zunächst paradox.
Eine gute Lehrkraft hilft.
Sie erklärt, modelliert, korrigiert, stellt Fragen und gibt Hinweise.
Aber wenn dieselbe Hilfe dauerhaft notwendig bleibt, ist ein Teil der Kompetenz noch nicht beim Lernenden angekommen.
Am Anfang kann die Lehrkraft ein Wort liefern.
Später sollte der Lernende es selbst abrufen.
Am Anfang kann sie eine Struktur vormachen.
Später sollte der Lernende sie selbst wählen.
Am Anfang kann sie ein Gespräch stark steuern.
Später sollte der Lernende mit Unerwartetem umgehen können.
Deshalb ist eine Deutschstunde nicht nur dann erfolgreich, wenn während der Stunde alles gut funktioniert.
Sie ist erfolgreich, wenn nach der Stunde etwas ohne die Lehrkraft besser funktioniert als vorher.
Selbstständigkeit ist eine bessere Uhr als die Zahl der Unterrichtsstunden
Statt ausschließlich zu zählen:
20 Stunden.
50 Stunden.
100 Stunden.
können wir andere Fragen stellen.
Kann der Lernende spontan über sich erzählen?
Kann er eine unerwartete Rückfrage beantworten?
Kann er ein Missverständnis reparieren?
Kann er telefonisch einen Termin vereinbaren?
Kann er ein Problem erklären?
Kann er eine Geschichte erzählen, ohne sie vorher auswendig gelernt zu haben?
Kann er einer beruflichen Besprechung folgen?
Kann er einen Fachtext lesen?
Kann er zwischen informeller und formeller Kommunikation wechseln?
Solche Fragen zeigen viel genauer, was aus Lernstoff zu tatsächlicher Kompetenz geworden ist.
Man kann Deutsch bereits nutzen, lange bevor man „fertig“ ist
Dieser Punkt ist besonders für erwachsene Lernende wichtig.
Sie müssen nicht die gesamte deutsche Grammatik beherrschen, bevor Deutsch im Leben nützlich wird.
Ein Mensch kann bereits:
- einkaufen;
- Termine organisieren;
- einfache Gespräche mit Kollegen führen;
- Nachrichten schreiben;
- Routineanweisungen verstehen;
- grundlegende Behördensituationen bewältigen,
während gleichzeitig noch große grammatische Lücken bestehen.
Sprachliche Entwicklung ist asymmetrisch.
Die pädagogische Aufgabe besteht deshalb nicht darin, vor jeder realen Anwendung erst „das ganze Deutsch“ abzuschließen.
Sie besteht darin zu entscheiden:
Welche Fähigkeiten müssen zuerst zuverlässig funktionieren?
Wie Sie Ihre eigene Lernzeit realistischer einschätzen
Beginnen Sie nicht mit:
„Ich möchte B2.“
Beginnen Sie mit einer realen Situation.
Zum Beispiel:
„Ich muss an normalen Besprechungen in meinem Unternehmen auf Deutsch teilnehmen können.“
Jetzt lässt sich die Aufgabe zerlegen.
Brauchen Sie besseres Hörverstehen?
Müssen Sie Fragen stellen können?
Brauchen Sie Fachwortschatz?
Müssen Sie Entscheidungen begründen?
Müssen Sie Zahlen und Daten erläutern?
Müssen Sie nach der Besprechung E-Mails schreiben?
Danach betrachten Sie Ihren Ausgangspunkt.
Was funktioniert bereits selbstständig?
Was funktioniert nur nach Vorbereitung?
Was funktioniert langsam?
Was bricht unter Zeitdruck zusammen?
Was fehlt vollständig?
Die Distanz zwischen dem heutigen Zustand und der konkreten Zielhandlung ist der eigentliche Lehrplan.
Messen Sie Transfer statt Wiederholung
Sie haben gelernt, im Restaurant zu bestellen.
Können Sie auch erklären, dass etwas mit der Bestellung nicht stimmt?
Sie können Ihren Beruf beschreiben.
Können Sie erklären, warum sich ein Projekt verspätet?
Sie haben eine Vergangenheitsform geübt.
Können Sie damit spontan eine Geschichte erzählen, die Sie nie vorbereitet haben?
Sie kennen bestimmte Dativpräpositionen.
Treffen Sie die richtige Entscheidung auch dann, wenn keine Übungsüberschrift verrät, welches Grammatikthema gerade geprüft wird?
Transfer zeigt, ob Wissen die Übung verlassen hat.
Er ist einer der wichtigsten Unterschiede zwischen behandeltem Lernstoff und verfügbarer Sprache.
Also: Wie lange dauert es wirklich, Deutsch zu lernen?
So lange, bis das Deutsch, das Sie für Ihr nächstes reales Ziel benötigen, ausreichend selbstständig verfügbar geworden ist.
Für eine eng definierte Alltagssituation kann das relativ schnell geschehen.
Für breite berufliche oder akademische Handlungsfähigkeit dauert es erheblich länger.
Für präzise, flexible, idiomatische Kompetenz über zahlreiche Lebensbereiche hinweg entwickelt sich die Sprache über Jahre weiter.
Es gibt deshalb keine einzige seriöse Zahl für die Frage:
„Wie lange dauert es, Deutsch zu lernen?“
Denn es gibt keinen einzigen Zustand namens:
„Deutsch fertig gelernt.“
Die bessere Frage lautet:
Was muss ich auf Deutsch tun können — und welche sprachlichen Entscheidungen müssen dafür so verfügbar werden, dass ich sie im entscheidenden Moment tatsächlich treffen kann?
Damit lässt sich arbeiten.
Damit lassen sich Prioritäten setzen.
Damit lässt sich Unterricht planen.
Und damit lässt sich Fortschritt beobachten.
Deutsch lernen bei Levitin Language School
Levitin Language School arbeitet mit drei miteinander verbundenen Bildungsebenen:
Languages — Sprachen
Academic Subjects — Fachunterricht
Language + Subject — Sprache + Fach
Deutsch kann deshalb als eigenständige Sprache für Alltag, Kommunikation und berufliche Aufgaben entwickelt werden oder — wenn das tatsächliche Ziel es verlangt — zum Arbeitsmedium eines anderen Fachgebiets werden.
Der Ausgangspunkt ist nicht die Frage, wie schnell möglichst viele Kapitel abgeschlossen werden können.
Der Ausgangspunkt ist die Frage:
Welche Form von Deutsch braucht dieser Mensch tatsächlich?
Mehr über den entsprechenden Lernbereich finden Sie unter Deutsch lernen mit Levitin Language School.
Die internationale Schule und ihre weiteren Lernrichtungen finden Sie auf Levitin Language School.
Autor
Tymur Levitin
Gründer und Direktor der Levitin Language School und Language Learnings
Sprachpädagoge, zertifizierter Übersetzer und Autor
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