Sie verstehen einen englischen Podcast.
Sie lesen einen Artikel und müssen nicht jeden zweiten Satz übersetzen.
Im Urlaub verstehen Sie, was jemand zu Ihnen sagt.
Vielleicht erkennen Sie sogar grammatische Fehler, erklären Zeitformen und verfügen über einen beachtlichen Wortschatz.
Doch sobald Sie selbst spontan antworten sollen, verändert sich die Situation.
Plötzlich fehlt ein Wort.
Der Satz beginnt, aber Sie wissen nicht, wie er weitergehen soll.
Sie überlegen, welche Zeitform richtig wäre.
Während Sie noch nach einer Formulierung suchen, ist der Moment für die Antwort beinahe vorbei.
Und irgendwann entsteht der Eindruck:
Ich verstehe Englisch, aber ich kann es nicht sprechen.
Das klingt zunächst widersprüchlich.
Ist es aber nicht.
Denn eine Sprache zu kennen und mit einer Sprache handeln zu können sind nicht dieselbe Leistung.
Was bedeutet es eigentlich, eine Sprache zu „können“?
Die Frage scheint einfach.
Wer Englisch kann, versteht und spricht Englisch.
In der Praxis zerfällt dieses vermeintlich einheitliche Können jedoch in unterschiedliche Fähigkeiten.
Sie können einen Ausdruck erkennen.
Sie können seine Bedeutung erklären.
Sie können ihn in einer Übung einsetzen.
Sie können ihn nach einigen Sekunden aus dem Gedächtnis abrufen.
Sie können ihn spontan verwenden.
Sie können ihn unter Zeitdruck verwenden.
Sie können ihn durch eine andere Formulierung ersetzen, wenn er Ihnen gerade nicht einfällt.
Sie können damit widersprechen, erklären, überzeugen, präzisieren oder reagieren.
Das alles gehört zur Sprache.
Aber es sind nicht dieselben Leistungen.
Deshalb sagt die Feststellung
Ich kenne dieses Wort.
noch erstaunlich wenig darüber aus, was Sie mit diesem Wort tatsächlich tun können.
Sprachwissen beschreibt Möglichkeiten — Kommunikation verlangt Handlungen
Nehmen wir eine grammatische Konstruktion:
If I had known, I would have called you.
Vielleicht verstehen Sie den Satz sofort.
Vielleicht können Sie sogar erklären, wie der Third Conditional gebildet wird.
Das ist Wissen.
In einem realen Gespräch erhalten Sie jedoch keine Aufgabe mit der Überschrift:
Use the Third Conditional.
Stattdessen sagt jemand:
Why didn’t you call me?
Nun müssen Sie handeln.
Sie müssen verstehen, welche Information relevant ist.
Sie müssen deutlich machen, dass Sie etwas in der Vergangenheit nicht wussten.
Sie müssen ausdrücken, dass dieses fehlende Wissen eine andere Handlung verhindert hat.
Erst innerhalb dieser kommunikativen Aufgabe wird eine grammatische Konstruktion relevant.
Die entscheidende Frage lautet also nicht nur:
Kennen Sie den Third Conditional?
Sondern:
Können Sie die Bedeutungssituation erkennen, in der Sie ihn selbstständig brauchen könnten?
Das ist ein anderer Anspruch.
Im Unterricht wird die sprachliche Entscheidung oft bereits vorweggenommen
Viele Übungen sind sinnvoll und notwendig.
Aber man sollte genau sehen, welche Leistung sie trainieren.
Zum Beispiel:
Complete the sentences using the Present Perfect.
Die grammatische Entscheidung wurde bereits getroffen.
Oder:
Use one of the words from the box.
Die lexikalischen Möglichkeiten wurden bereits begrenzt.
Oder:
Rewrite the sentences in the passive voice.
Auch hier ist das sprachliche Werkzeug schon vorgegeben.
Das eigentliche Problem ist nur noch seine korrekte Anwendung.
Im Gespräch gibt es diese Vorentscheidung nicht.
Niemand sagt:
Bitte reagieren Sie jetzt mit einer höflichen Einschränkung und verwenden Sie dafür eine modale Konstruktion.
Sie müssen selbst erkennen, was die Situation sprachlich von Ihnen verlangt.
Genau deshalb kann ein Lernender Übungen zuverlässig lösen und trotzdem in einem freien Gespräch unsicher werden.
Er hat möglicherweise gelernt, ein Werkzeug korrekt zu benutzen.
Aber noch nicht ausreichend trainiert, wann und warum er dieses Werkzeug selbst auswählen muss.
Sprechen ist nicht das Aufsagen gespeicherter Sätze
Manchmal stellen wir uns flüssiges Sprechen so vor, als hätte ein guter Sprecher eine riesige Sammlung fertiger Sätze im Kopf.
Er müsse nur schnell genug den passenden Satz finden.
Natürlich spielen feste Wendungen und automatisierte Strukturen eine wichtige Rolle.
Aber reale Kommunikation ist zu variabel, um ausschließlich aus gespeicherten Antworten zu bestehen.
Ein Gesprächspartner stellt eine unerwartete Frage.
Er versteht Sie falsch.
Er unterbricht Sie.
Er verwendet ein Wort, das Sie nicht kennen.
Sie beginnen einen Satz und merken in der Mitte, dass die geplante Konstruktion nicht funktioniert.
Sie wollen Ihre Aussage abschwächen.
Oder präzisieren.
Oder korrigieren.
Oder zurücknehmen.
Nun reicht es nicht, einen fertigen Satz abzurufen.
Sie müssen mit dem vorhandenen sprachlichen Material operieren.
Sprachliche Handlungsfähigkeit zeigt sich besonders dann, wenn etwas fehlt
Stellen Sie sich vor, Sie möchten das Wort screwdriver verwenden.
Es fällt Ihnen nicht ein.
Was passiert jetzt?
Eine Möglichkeit:
I need… äh… I don’t know the word…
Dann stoppt die gesamte Äußerung an einer einzigen lexikalischen Lücke.
Eine andere Möglichkeit:
I need the tool you use to turn a screw.
Das gesuchte Wort fehlt immer noch.
Aber die Kommunikation funktioniert weiter.
Dieser Unterschied ist enorm.
Im zweiten Fall besteht die sprachliche Kompetenz nicht darin, dass mehr Vokabeln vorhanden sind.
Sie besteht darin, dass der Sprecher mit unvollständigen sprachlichen Ressourcen weiterhandeln kann.
Genau das geschieht auch in der Muttersprache.
Wir vergessen Wörter.
Wir beginnen Sätze neu.
Wir beschreiben Begriffe.
Wir korrigieren uns.
Wir vereinfachen.
Wir fragen nach.
Wir ersetzen eine komplizierte Konstruktion durch eine einfachere.
Kommunikative Kompetenz bedeutet daher nicht, jederzeit über die perfekte Formulierung zu verfügen.
Sie bedeutet auch, mit sprachlicher Unvollständigkeit umgehen zu können.
Wer jeden Fehler verhindern will, kann das Sprechen selbst verhindern
Besonders fortgeschrittene Lernende erleben manchmal ein paradoxes Problem.
Sie wissen viel.
Gerade deshalb erkennen sie auch sehr viele mögliche Fehler.
Noch bevor ein Satz ausgesprochen wird, beginnt eine interne Kontrolle:
Ist die Zeitform richtig?
Brauche ich einen Artikel?
War es in oder at?
Ist das Wort zu informell?
Klingt die Formulierung natürlich?
Müsste hier nicht eigentlich der Present Perfect stehen?
Gibt es eine idiomatischere Variante?
Jede einzelne Frage kann linguistisch sinnvoll sein.
Aber wenn alle gleichzeitig beantwortet werden sollen, bevor der Satz den Mund verlassen darf, wird Wissen zum Engpass.
Das Ziel kann deshalb nicht darin bestehen, Genauigkeit abzuschaffen.
Es geht vielmehr darum, Kontrolle funktional einzusetzen.
Manchmal muss eine Form korrigiert werden.
Manchmal muss Kommunikation zunächst weiterlaufen.
Auch diese Unterscheidung gehört zur sprachlichen Handlungsfähigkeit.
„Mehr sprechen“ ist noch keine vollständige Lernstrategie
Wer nicht flüssig spricht, bekommt häufig einen einfachen Rat:
Du musst einfach mehr sprechen.
Mehr Sprechpraxis kann selbstverständlich helfen.
Aber die Anzahl der gesprochenen Minuten sagt noch nicht, was während dieser Minuten gelernt wird.
Ein Lernender kann jahrelang Gespräche führen und dabei konsequent:
denselben Grundwortschatz verwenden,
dieselben Satzmuster bevorzugen,
komplizierte Strukturen vermeiden,
schwierige Themen umgehen,
Unsicherheit durch sehr allgemeine Wörter kompensieren.
Die Kommunikation funktioniert.
Aber das sprachliche Handlungsspektrum verändert sich kaum.
Deshalb ist eine andere Frage interessanter:
Was können Sie nach der Sprechpraxis tun, was vorher noch nicht möglich war?
Können Sie eine Meinung differenzierter begründen?
Können Sie einen unbekannten Begriff erklären?
Können Sie eine Aussage höflich relativieren?
Können Sie reagieren, wenn jemand Ihre Aussage missversteht?
Können Sie eine begonnene Konstruktion spontan umbauen?
Können Sie dieselbe Idee für verschiedene Gesprächspartner unterschiedlich formulieren?
Wenn ja, entwickelt sich nicht nur die Menge der Sprechpraxis.
Es entwickelt sich die Fähigkeit, sprachlich zu handeln.
Flüssigkeit ist auch Anpassungsfähigkeit
Ein vorbereiteter Vortrag kann hervorragend klingen.
Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass dieselbe Person genauso flexibel auf Fragen reagieren kann.
Warum?
Weil Vorbereitung viele Entscheidungen vorverlagert.
Die Wörter wurden bereits gesucht.
Die Struktur wurde bereits gewählt.
Schwierige Stellen konnten überarbeitet werden.
Vielleicht wurde der Text mehrfach gesprochen.
Eine unerwartete Rückfrage verändert die Bedingungen.
Jetzt muss Sprache in Echtzeit angepasst werden.
Darin liegt ein wichtiger Unterschied zwischen:
etwas auf Englisch sagen können
und
mit Englisch auf eine Situation reagieren können.
Sprachliche Selbstständigkeit zeigt sich nicht nur daran, ob eine geplante Äußerung gelingt.
Sie zeigt sich auch daran, was passiert, wenn der Plan nicht mehr passt.
Dasselbe Sprachniveau kann sehr unterschiedliche Fähigkeiten verbergen
Zwei Lernende können formal auf demselben Niveau sein.
Beide haben beispielsweise B2.
Beide verstehen englische Medien recht gut.
Beide kennen zahlreiche grammatische Strukturen.
Trotzdem kann ihre Kommunikationsfähigkeit völlig unterschiedlich aussehen.
Person A verfügt über einen großen Wortschatz, stoppt aber, sobald ein bestimmtes Wort fehlt.
Person B verwendet weniger Wörter, kann unbekannte Begriffe jedoch geschickt umschreiben.
Person A bildet komplexe Sätze, benötigt dafür aber viel Zeit.
Person B verwendet einfachere Strukturen, reagiert dafür unmittelbar.
Person A korrigiert fast jeden Fehler bereits vor dem Sprechen.
Person B spricht weiter und repariert problematische Stellen anschließend.
Welche Person „besser Englisch kann“, lässt sich aus diesen Beobachtungen nicht sinnvoll mit einem einzigen Satz beantworten.
Wir sehen vielmehr unterschiedliche Profile sprachlicher Handlungsfähigkeit.
Deshalb muss Unterricht mehr diagnostizieren als Wissenslücken
Wenn ein Lernender sagt:
Ich verstehe Englisch, aber ich kann nicht sprechen,
ist die naheliegende Reaktion häufig:
mehr Wortschatz,
mehr Grammatik,
mehr Konversation.
Vielleicht ist genau das notwendig.
Vielleicht aber auch nicht.
Zuerst sollte geklärt werden, was beim sprachlichen Handeln tatsächlich zusammenbricht.
Fehlen Wörter?
Oder werden bekannte Wörter zu langsam abgerufen?
Fehlen grammatische Kenntnisse?
Oder gelingt die Auswahl der passenden Struktur ohne Aufgabenhinweis nicht?
Ist die Aussprache das Hindernis?
Oder übermäßige Selbstkontrolle?
Kann die Person frei sprechen, solange das Thema vertraut ist?
Was passiert bei einer unerwarteten Frage?
Kann sie eine fehlende Formulierung umgehen?
Kann sie Missverständnisse reparieren?
Kann sie dieselbe Aussage einfacher ausdrücken?
Solche Unterschiede verändern die Lernaufgabe grundlegend.
Gerade deshalb sollte individuelles Englischlernen nicht lediglich bedeuten, einem Lernenden mehr Material zu präsentieren. Entscheidend ist, welche sprachliche Handlung noch nicht zuverlässig gelingt und unter welchen Bedingungen sie zusammenbricht.
Ein einfacher Test: Verändern Sie nicht den Stoff, sondern die Aufgabe
Wenn Sie überprüfen möchten, wie handlungsfähig Ihr Englisch bereits ist, müssen Sie nicht sofort neue Vokabeln lernen.
Nehmen Sie etwas, das Sie bereits gut kennen.
Zum Beispiel Ihren Beruf.
Erklären Sie ihn zunächst in zwei Minuten.
Dann verändern Sie die Aufgabe.
Erklären Sie Ihre Arbeit einem Kind.
Danach jemandem aus einer völlig anderen Branche.
Dann beschreiben Sie das größte Problem in Ihrem Beruf.
Anschließend erklären Sie, warum jemand Ihre Arbeit möglicherweise falsch versteht.
Danach vertreten Sie bewusst eine Gegenposition zu Ihrer eigenen Meinung.
Der Wortschatzbereich bleibt ähnlich.
Das Wissen über das Thema bleibt vorhanden.
Aber die sprachlichen Handlungen verändern sich.
Sie müssen erklären.
Vereinfachen.
Begründen.
Vergleichen.
Widersprechen.
Perspektiven wechseln.
Genau dadurch wird sichtbar, ob Sprache lediglich für bekannte Antworten verfügbar ist oder flexibel eingesetzt werden kann.
Lernen sollte Unterstützung nicht nur hinzufügen, sondern auch systematisch entfernen
Am Anfang sind Hilfen sinnvoll.
Wortlisten.
Satzanfänge.
Modelle.
Beispiele.
Grammatikerklärungen.
Leitfragen.
Doch wenn jede erfolgreiche Äußerung dauerhaft von denselben Hilfen abhängt, entsteht keine vollständige Selbstständigkeit.
Deshalb sollte sich die Lernbedingung verändern.
Zunächst sprechen Sie mit Stichwörtern.
Später ohne Stichwörter.
Zunächst kennen Sie die Frage vorher.
Später kommt eine unerwartete Nachfrage.
Zunächst verwenden Sie eine vorgegebene Struktur.
Später müssen Sie selbst entscheiden, welche Struktur sinnvoll ist.
Zunächst erklären Sie ein vertrautes Beispiel.
Später übertragen Sie dieselbe sprachliche Funktion auf einen neuen Kontext.
Der entscheidende Fortschritt besteht nicht darin, dass Unterstützung immer besser wird.
Er besteht irgendwann darin, dass weniger Unterstützung notwendig ist.
Sprache wird zur Fähigkeit, wenn sie unter veränderten Bedingungen weiter funktioniert
Das ist vielleicht der wichtigste Punkt.
Sprachwissen ist wertvoll.
Wortschatz ist notwendig.
Grammatik ist notwendig.
Aussprache ist notwendig.
Verstehen ist notwendig.
Aber kommunikative Selbstständigkeit zeigt sich erst, wenn diese Ressourcen nicht nur unter bekannten Lernbedingungen funktionieren.
Kann Ihr Englisch eine unerwartete Frage überstehen?
Ein vergessenes Wort?
Eine Unterbrechung?
Ein Missverständnis?
Eine neue Gesprächssituation?
Zeitdruck?
Eine komplizierte Idee, für die Ihnen noch nicht die perfekte Formulierung zur Verfügung steht?
Dann verändert sich die Perspektive auf das ursprüngliche Problem.
„Ich verstehe Englisch, aber ich kann nicht sprechen“ bedeutet nicht automatisch:
Ich weiß zu wenig.
Es kann bedeuten:
Ein Teil meines Wissens ist noch nicht zu selbstständigem sprachlichem Handeln geworden.
Das ist ein viel präziseres Lernproblem.
Und Präzision ist wichtig.
Denn wer ein Wissensproblem hat, braucht Wissen.
Wer ein Abrufproblem hat, braucht andere Bedingungen.
Wer von Vorgaben abhängig ist, muss Auswahl trainieren.
Wer bei jeder Lücke stoppt, muss Kompensationsstrategien entwickeln.
Wer sich vor dem Sprechen permanent korrigiert, muss lernen, Kontrolle und Kommunikation unterschiedlich zu gewichten.
Deshalb besteht Fortschritt nicht einfach darin, immer mehr Englisch anzusammeln.
Irgendwann muss aus:
Ich kenne die Sprache
etwas anderes werden:
Ich kann mit ihr handeln.
Über den Autor
Tymur Levitin
Gründer und Direktor der Levitin Language School, Fremdsprachenlehrer, zertifizierter Übersetzer und Autor von Bildungsmaterialien.
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