DaZ in der Schweiz, Standardsprache, Bildungssprache und Fachunterricht: Warum ein Kind Deutsch sprechen und trotzdem Schwierigkeiten in Mathematik, Biologie oder beim Verstehen von Schulaufträgen haben kann.

Ein Kind zieht mit seiner Familie in die Deutschschweiz.

Vor dem Umzug hat es bereits Deutsch gelernt. Es kann sich vorstellen, einfache Gespräche führen, Texte lesen und grammatisch korrekte Sätze bilden.

Die Eltern sind deshalb zuversichtlich.

Dann beginnt die Schule.

In der Pause sprechen die Kinder Schweizerdeutsch. Im Schulbuch steht Standarddeutsch. Im Mathematikunterricht tauchen Formulierungen auf, die das Kind noch nie gehört hat. In einer Prüfung soll es nicht nur eine Antwort finden, sondern seinen Lösungsweg begründen.

Plötzlich entstehen Schwierigkeiten, obwohl das Kind durchaus Deutschkenntnisse besitzt.

Die Eltern fragen:

Soll unser Kind Schweizerdeutsch oder Hochdeutsch lernen?

Die Antwort lautet nicht einfach: beides.

Entscheidend ist vielmehr, welche sprachliche Fähigkeit das Kind in welcher schulischen Situation benötigt.

«Ein Kind betritt die Schule nicht durch eine einzige Sprache. Pausenplatz, Klassenzimmer, Schulbuch und Prüfung können unterschiedliche Formen derselben Sprache verlangen.»

— Tymur Levitin

1. Warum «Deutsch können» keine ausreichende Beschreibung der Schulfähigkeit ist

Wer sagt, ein Kind könne Deutsch, kann damit sehr unterschiedliche Fähigkeiten meinen.

Das Kind versteht vielleicht alltägliche Gespräche, kann sich vorstellen und über seine Familie erzählen.

Aber kann es auch einen komplexen Arbeitsauftrag verstehen?

Kann es aus einer Grafik Informationen entnehmen und die Ergebnisse sprachlich vergleichen?

Kann es eine biologische Ursache erklären?

Kann es einen mathematischen Lösungsweg so formulieren, dass die Lehrperson den Gedankengang nachvollziehen kann?

Diese Fähigkeiten gehören nicht automatisch zusammen.

Ein Kind kann sich im Alltag sprachlich sicher bewegen und gleichzeitig Schwierigkeiten mit schulischen Texten haben.

Umgekehrt kann ein Kind schriftliches Standarddeutsch gut verstehen, aber bei einem schnellen Gespräch im lokalen Dialekt zunächst kaum folgen.

Deshalb müssen wir mindestens drei Bereiche unterscheiden:

  • Schweizerdeutsch: Verstehen und Teilnehmen in vielen lokalen mündlichen Situationen.
  • Standarddeutsch: Lesen, Schreiben und formelle schulische Kommunikation.
  • Bildungs- und Fachsprache: Wissen durch Sprache verstehen, bearbeiten und nachweisen.

Diese Bereiche überschneiden sich, erfüllen aber nicht immer dieselbe Funktion.

2. Schweizerdeutsch ist nicht einfach «falsches Hochdeutsch»

In der Deutschschweiz bezeichnet Schweizerdeutsch keine einzelne, überall identische Sprachform.

Es handelt sich um eine Gruppe alemannischer Dialekte, deren Gebrauch regional und sozial variiert.

Zürichdeutsch, Berndeutsch und Baseldeutsch sind deshalb nicht einfach drei Namen für dieselbe gesprochene Variante.

Für zugewanderte Kinder kann das eine besondere Herausforderung darstellen.

Sie haben vielleicht gelernt:

Ich gehe heute nach Hause.

Im Alltag hören sie jedoch andere Lautformen, Wörter und grammatische Muster.

Ein bekanntes Beispiel ist:

Ich habe keine Zeit.

In schweizerdeutscher Alltagssprache kann daraus je nach Dialekt eine Form wie Ich ha kei Ziit werden.

Die Unterschiede betreffen nicht nur einzelne Vokabeln. Sie können auch Aussprache, Formenbildung und Satzstruktur umfassen.

Warum ein Kind trotz guter Deutschkenntnisse schweigt

Ein Kind muss möglicherweise zunächst die gehörte Dialektform erkennen, sie mit seinem vorhandenen Sprachwissen verbinden, die Aussage verstehen und anschliessend eine Antwort formulieren.

Diese Verarbeitung braucht Zeit.

Schweigen bedeutet deshalb nicht automatisch, dass das Kind den Inhalt nicht versteht oder grundsätzlich zu wenig Deutsch gelernt hat.

Es kann auch bedeuten, dass der Übergang zwischen den Sprachvarietäten noch nicht automatisiert ist.

3. Warum Hochdeutsch für die Schule unverzichtbar bleibt

Schweizerdeutsch spielt im gesellschaftlichen Alltag vieler Regionen eine wichtige Rolle.

Für die schulische Schriftlichkeit ist Standarddeutsch jedoch zentral.

Schulbücher, schriftliche Arbeitsaufträge, Sachtexte, Berichte und viele Formen der Leistungsbeurteilung verlangen entsprechende Kompetenzen.

Dabei ist wichtig: Schweizer Standarddeutsch ist eine anerkannte nationale Varietät des Standarddeutschen.

Es besitzt eigene Besonderheiten, beispielsweise im Wortschatz.

In der Schweiz begegnet man unter anderem Wörtern wie Velo, parkieren oder Spital, die im deutschen Sprachraum unterschiedlich verbreitet sind.

Ein Kind muss deshalb nicht zwischen «richtigem Deutsch aus Deutschland» und «Schweizerdeutsch» wählen.

Es muss verstehen, dass in der Schweiz unterschiedliche sprachliche Varietäten und Register verschiedene Aufgaben erfüllen.

4. Der Kindergarten zeigt besonders deutlich, warum die Unterscheidung wichtig ist

Die Regelungen unterscheiden sich zwischen den Kantonen.

Für den Kanton Zürich ist die Situation besonders anschaulich.

Nach den offiziellen Informationen des Kantons Zürich zum Kindergarteneintritt ist die Unterrichtssprache im Kindergarten grundsätzlich Schweizerdeutsch. Einzelne Unterrichtssequenzen auf Hochdeutsch sind möglich.

Im Unterricht Deutsch als Zweitsprache, kurz DaZ, wird dagegen grundsätzlich Hochdeutsch verwendet.

Das bedeutet:

Ein Kind kann im normalen Kindergartenalltag überwiegend Schweizerdeutsch hören und gleichzeitig zusätzliche Sprachförderung in Standarddeutsch erhalten.

Das ist kein Widerspruch.

Es handelt sich um unterschiedliche pädagogische Funktionen.

Der Dialekt unterstützt die Teilnahme an einem Teil des unmittelbaren sozialen Umfelds.

Die Standardsprache ist für die weitere schulische Sprachentwicklung und den Zugang zur Schriftlichkeit entscheidend.

Diese Zürcher Regelung darf allerdings nicht ungeprüft auf sämtliche Kantone und Schulstufen übertragen werden.

5. DaZ in der Schweiz bedeutet mehr als Deutsch für Anfänger

DaZ steht für Deutsch als Zweitsprache.

Manche Eltern stellen sich darunter vor allem die ersten Schritte vor:

Begrüssungen, einfache Sätze, grundlegenden Wortschatz und Alltagssituationen.

Doch schulische Sprachförderung reicht weiter.

Ein Kind kann bereits gut sprechen und trotzdem zusätzliche Unterstützung benötigen, um anspruchsvolle Texte zu verstehen, eigene Erklärungen zu formulieren oder am Fachunterricht erfolgreich teilzunehmen.

Die Qualitätsmerkmale der DaZ-Förderung des Kantons Zürich betonen unter anderem Sprachdiagnostik, gezielte Unterstützung, sprachliche Hilfsmittel und die aktive Beteiligung der Lernenden.

Besonders aufschlussreich ist die Verbindung von Sprache und fachlichem Lernen.

Denn ein Kind braucht Deutsch nicht nur im Deutschunterricht.

Es braucht Deutsch, um Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte und weitere Fächer zu erschliessen.

6. Die dritte Sprache der Schule: Bildungssprache

Stellen wir zwei Fragen gegenüber.

Alltagssprache:

Warum bist du zu spät?

Bildungssprache:

Begründe anhand der Grafik, weshalb sich die beiden Werte unterschiedlich entwickelt haben.

Beide Sätze sind Standarddeutsch.

Trotzdem stellen sie völlig unterschiedliche Anforderungen.

Im zweiten Satz muss das Kind mehrere Operationen ausführen:

Es muss erkennen, dass eine Begründung verlangt wird.

Es muss Informationen aus einer Grafik entnehmen.

Es muss zwei Entwicklungen vergleichen.

Es muss einen Zusammenhang formulieren.

Und es muss seine Erklärung sprachlich so aufbauen, dass der Gedankengang nachvollziehbar wird.

Hier geht es nicht bloss um schwierige Wörter.

Es geht darum, wie Sprache fachliches Denken organisiert und sichtbar macht.

Das ist ein Kernbereich der Bildungssprache.

7. Ein Kind kann den Stoff verstehen und trotzdem eine schlechte Note erhalten

Ein Schüler hat in seinem Herkunftsland erfolgreich Mathematik gelernt.

Nach dem Umzug in die Schweiz verschlechtern sich seine Ergebnisse.

Eine naheliegende Erklärung lautet:

«Er ist in Mathematik schwächer geworden.»

Doch das muss nicht stimmen.

Vielleicht versteht er die mathematischen Konzepte weiterhin.

Vielleicht kann er Aufgaben in seiner stärksten Sprache problemlos lösen.

Aber die deutschsprachige Aufgabenstellung bereitet Schwierigkeiten.

Betrachten wir:

Berechne den prozentualen Anteil.

Bestimme die Veränderung in Prozent.

Begründe deinen Lösungsweg.

Das sind drei unterschiedliche Anforderungen.

Wer Prozentrechnung beherrscht, muss nicht automatisch verstehen, welche Antwortform die letzte Anweisung verlangt.

Die schulische Leistung kann deshalb durch sprachliche Anforderungen beeinflusst werden, ohne dass die fachlichen Kenntnisse vollständig fehlen.

8. Die entscheidende Diagnose: Liegt das Problem in Deutsch, Mathematik oder dazwischen?

Nehmen wir eine Aufgabe:

Ein Preis steigt von 80 auf 100 Franken. Um wie viel Prozent hat sich der Preis erhöht? Begründe deine Antwort.

Das korrekte Ergebnis ist 25 Prozent.

Aber ein Kind kann aus unterschiedlichen Gründen scheitern.

Fall A: Das mathematische Konzept fehlt.

Das Kind weiss auch in seiner stärksten Sprache nicht, wie eine prozentuale Erhöhung berechnet wird.

Dann braucht es fachliche Unterstützung.

Fall B: Die deutsche Aufgabenstellung wird nicht verstanden.

Das Kind kann die Rechnung sofort lösen, sobald die Frage verständlich erklärt wird.

Dann liegt ein wesentlicher Teil der Schwierigkeit im sprachlichen Zugang.

Fall C: Das Ergebnis stimmt, die Begründung fehlt.

Das Kind schreibt lediglich:

25 %.

Die Aufgabe verlangt aber zusätzlich eine nachvollziehbare Erklärung.

Hier kann das Problem in der Verbindung zwischen Fachwissen, Bildungssprache und schulischer Aufgabenkultur liegen.

Warum diese Unterscheidung für Eltern wichtig ist

Drei Kinder können dieselbe Aufgabe falsch bearbeiten.

Trotzdem benötigen sie möglicherweise drei verschiedene Arten von Unterstützung.

Deshalb ist die Empfehlung «mehr Deutsch lernen» nicht immer präzise genug.

Manchmal braucht das Kind mehr Deutsch.

Manchmal mehr Mathematik.

Und manchmal gezieltes Training an der Schnittstelle.

9. Mathematik auf Deutsch ist mehr als mathematischer Wortschatz

Wer Mathematik auf Deutsch lernt, muss nicht nur Begriffe wie Bruch, Nenner, Zähler oder Prozent verstehen.

Ebenso wichtig sind sprachliche Handlungen.

Zum Beispiel:

Bestimme den Anteil.

Vergleiche die Ergebnisse.

Zeige, dass die beiden Ausdrücke gleichwertig sind.

Begründe deine Vorgehensweise.

Leite die Formel her.

Diese Aufforderungen verlangen unterschiedliche Denk- und Antwortprozesse.

Ein Schüler kann die Wörter kennen und dennoch nicht wissen, wie ausführlich oder in welcher Form er antworten soll.

Hier wird deutlich, warum die Verbindung von Sprache und Fachunterricht eine eigenständige pädagogische Aufgabe darstellt.

10. Biologie verlangt eine andere sprachliche Architektur

Betrachten wir die Fotosynthese.

Ein Kind kann wissen, dass Pflanzen Lichtenergie nutzen, um chemische Energie in organischen Stoffen zu speichern.

Aber kann es den Vorgang auf Deutsch erklären?

Dazu braucht es beispielsweise:

aufnehmen

umwandeln

abgeben

mithilfe von

durch

dadurch

während

Voraussetzung

Zusammenhang

Diese Wörter erfüllen unterschiedliche Funktionen.

Einige benennen Prozesse.

Andere drücken Mittel, Ursachen, zeitliche Beziehungen oder logische Zusammenhänge aus.

Deshalb reicht es nicht, biologische Fachbegriffe auswendig zu lernen.

Der Schüler muss auch verstehen, wie man mit sprachlichen Mitteln einen naturwissenschaftlichen Zusammenhang darstellt.

11. Arbeitsaufträge: Kleine Verben mit grossen Folgen

Zu den wichtigsten Wörtern im Schulunterricht gehören häufig die sogenannten Operatoren.

Beispielsweise:

OperatorTypische Anforderung
NennenInformationen oder Beispiele angeben
BeschreibenMerkmale oder Abläufe darstellen
ErklärenZusammenhänge verständlich machen
BegründenAussagen durch nachvollziehbare Gründe stützen
VergleichenGemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeiten
BeurteilenAnhand geeigneter Kriterien zu einer begründeten Einschätzung gelangen

Die genaue Ausgestaltung solcher Anforderungen hängt von Fach, Schulstufe und Aufgabenstellung ab.

Trotzdem zeigt die Tabelle ein wichtiges Prinzip.

Wer auf die Anweisung Erkläre lediglich zwei Stichwörter nennt, hat möglicherweise nicht die verlangte Leistung erbracht.

Nicht unbedingt, weil das Wissen fehlt.

Sondern weil der erwartete Denk- und Antwortprozess nicht erkannt wurde.

Ein Operator ist nicht einfach ein Wort. Er ist eine Anweisung, welche Form des Denkens im Ergebnis sichtbar werden soll.

12. Warum gute Alltagssprache keine Garantie für schulischen Erfolg ist

Ein Kind unterhält sich problemlos mit Mitschülerinnen und Mitschülern.

Es versteht Witze.

Es kann einkaufen.

Es erzählt von seinem Wochenende.

Die Eltern sind erleichtert.

«Jetzt spricht es Deutsch.»

Doch einige Monate später entstehen Probleme mit schriftlichen Prüfungen.

Das muss kein Widerspruch sein.

Alltägliche Gesprächsfähigkeit und schulische Sprachkompetenz entwickeln sich nicht immer gleich schnell.

Ein spontanes Gespräch verlangt andere Leistungen als das Interpretieren einer Grafik oder das Schreiben einer fachlichen Begründung.

Deshalb sollten Eltern nicht nur fragen:

Kann mein Kind Deutsch sprechen?

Sondern auch:

Kann mein Kind durch Deutsch lernen und sein Wissen zeigen?

13. Warum ein B1- oder B2-Niveau allein nicht über Schulerfolg entscheidet

Ein allgemeines Sprachniveau kann wertvolle Informationen liefern.

Es ersetzt aber keine Analyse konkreter schulischer Anforderungen.

Zwei Kinder mit ähnlichem Deutschniveau können sehr unterschiedliche Stärken besitzen.

Das erste liest gut, hat aber Schwierigkeiten mit mündlichen Dialektgesprächen.

Das zweite spricht flüssig, versteht jedoch komplexe schriftliche Aufgaben nur langsam.

Das dritte kennt viele Fachbegriffe, kann seine Antworten aber nicht zusammenhängend formulieren.

Ein Sprachniveau beschreibt also nicht automatisch jede Fähigkeit, die für eine bestimmte Schulstufe und ein bestimmtes Fach erforderlich ist.

14. Was Eltern zu Hause tatsächlich überprüfen können

Eine einfache diagnostische Übung kann aufschlussreich sein.

Nehmen Sie eine echte Aufgabe aus dem Schulunterricht Ihres Kindes.

Bitten Sie das Kind zunächst, die Aufgabenstellung zu erklären — noch bevor es die Aufgabe löst.

Anschliessend verändern Sie jeweils nur eine Bedingung.

Lesen Sie die Aufgabe vor.

Formulieren Sie den Auftrag in einfacherem Standarddeutsch.

Erklären Sie einen unbekannten Operator.

Lassen Sie das Kind die Aufgabe in seiner stärksten Sprache bearbeiten.

Erlauben Sie zunächst eine mündliche Antwort statt einer schriftlichen.

Beobachten Sie, bei welcher Veränderung die Leistung besser wird.

Was lässt sich daraus ableiten?

Wenn das Kind die Aufgabe nach einer sprachlichen Erklärung sofort lösen kann, deutet dies auf eine sprachliche Hürde hin.

Wenn es auch ohne diese Hürde nicht weiterkommt, muss das fachliche Verständnis genauer untersucht werden.

Wenn die Lösung korrekt ist, aber die verlangte Begründung fehlt, kann gezieltes Training der schulischen Antwortformen sinnvoll sein.

Eine solche Übung ersetzt keine professionelle Diagnostik.

Sie kann Eltern jedoch helfen, präzisere Fragen zu stellen.

15. Warum die stärkste Sprache des Kindes eine Ressource sein kann

Bei zugewanderten Familien entsteht gelegentlich die Vorstellung, dass jede Erklärung ausschliesslich auf Deutsch stattfinden müsse.

Doch die stärkste Sprache eines Kindes kann für das Verstehen komplexer Inhalte eine wichtige Ressource sein.

Ein mathematisches Konzept kann zunächst in einer vertrauten Sprache geklärt werden.

Anschliessend lässt sich untersuchen, wie derselbe Gedanke im deutschen Schulunterricht formuliert werden muss.

Beispiel:

Das Kind versteht bereits, warum ein bestimmter Rechenschritt notwendig ist.

Es kann diese Begründung aber nicht auf Deutsch ausdrücken.

Dann besteht die Aufgabe nicht darin, den gesamten mathematischen Inhalt neu zu lernen.

Vielmehr muss eine Verbindung zwischen vorhandenem Wissen und der deutschen Ausdrucksform hergestellt werden.

Zweisprachige Erklärung ist kein Ersatz für schulisches Deutsch

Sie kann als Brücke dienen.

Das Ziel bleibt, dass das Kind die erforderlichen schulischen Aufgaben zunehmend selbstständig auf Deutsch bewältigen kann.

Die stärkste Sprache unterstützt den Aufbau dieser Fähigkeit, statt ihn zwangsläufig zu behindern.

16. Warum die Herkunft einer Lehrperson nicht das entscheidende Qualitätskriterium ist

Manche Familien suchen gezielt nach Lehrpersonen, die mit dem Bildungshintergrund ihrer Kinder vertraut sind.

Das kann nachvollziehbare Gründe haben.

Eine Lehrperson, die sowohl die bisherige Lerntradition als auch die Anforderungen der neuen Schule versteht, kann Unterschiede gezielt erklären.

Beispielsweise:

Warum wird hier eine Begründung verlangt, obwohl das Ergebnis richtig ist?

Warum muss ein mathematischer Gedanke schriftlich ausführlicher dargestellt werden?

Warum reicht das Auswendiglernen einer Definition nicht aus?

Warum bewertet die Schule neben dem Fachwissen auch die sprachliche Darstellung?

Solche Unterschiede können für zugewanderte Familien besonders wichtig sein.

Daraus folgt aber nicht, dass Lehrpersonen einer bestimmten Nationalität grundsätzlich besser unterrichten.

Entscheidend sind fachliche Kompetenz, diagnostische Fähigkeit, Verständnis der schulischen Anforderungen und die Fähigkeit, Erklärungen an das Kind anzupassen.

Eine mehrsprachige Lehrperson kann hier besondere Möglichkeiten besitzen.

Eine lokal ausgebildete Lehrperson wiederum kann wichtige Kenntnisse des jeweiligen Schulsystems einbringen.

Für manche Kinder ist eine Kombination dieser Kompetenzen besonders hilfreich.

17. Was bei einem Schulwechsel innerhalb der Schweiz zu beachten ist

Die Schweiz besitzt kein vollständig einheitliches kantonales Schulsystem.

Organisation, Übergänge, Förderangebote und konkrete schulische Abläufe können sich unterscheiden.

Daher sollte eine Familie nicht davon ausgehen, dass Erfahrungen aus Zürich ohne Weiteres auf Bern, Basel oder einen anderen Kanton übertragbar sind.

Auch die Schulstufe spielt eine Rolle.

Ein Kind im Kindergarten benötigt andere sprachliche Ressourcen als ein Jugendlicher, der vor einem wichtigen schulischen Übergang steht.

Je näher eine Entscheidung über den weiteren Bildungsweg rückt, desto wichtiger wird es, fachliche und sprachliche Schwierigkeiten rechtzeitig zu erkennen.

Dabei geht es nicht nur darum, bessere Noten zu erzielen.

Es geht auch darum, dass vorhandenes Wissen im Unterricht und bei Leistungsnachweisen angemessen sichtbar werden kann.

18. Drei Ebenen einer sinnvollen Förderung

Für die praktische Arbeit lässt sich ein Modell mit drei Ebenen verwenden.

Ebene 1: Teilhabe und mündliche Kommunikation

Kann das Kind Mitschülerinnen und Mitschüler verstehen?

Kann es an Gesprächen teilnehmen?

Versteht es die lokal üblichen gesprochenen Formen?

Hier kann das Hörverstehen im Schweizerdeutschen besonders wichtig sein.

Ebene 2: Standarddeutsch für die Schule

Kann das Kind Schultexte lesen?

Kann es Arbeitsanweisungen verstehen?

Kann es schriftliche Antworten formulieren?

Kann es längeren Erklärungen folgen?

Hier stehen die Kompetenzen im Standarddeutschen im Vordergrund.

Ebene 3: Bildungs- und Fachsprache

Kann das Kind fachliche Zusammenhänge erklären?

Kann es vergleichen, begründen und beurteilen?

Kann es mathematische Verfahren darstellen?

Kann es Informationen aus Tabellen, Diagrammen und Sachtexten verarbeiten?

Hier verbindet sich sprachliche Kompetenz unmittelbar mit schulischem Denken.

Die drei Ebenen sollten gemeinsam betrachtet, aber nicht miteinander verwechselt werden.

19. Wann gewöhnlicher Deutschunterricht genügt — und wann nicht

Manchmal braucht ein Kind vor allem grundlegenden Deutschunterricht.

Es muss seinen Wortschatz erweitern, grammatische Strukturen verstehen und sicherer sprechen.

Dann kann individuell angepasster Sprachunterricht genau die richtige Lösung sein.

In anderen Fällen reicht das nicht.

Das Kind versteht alltägliche Gespräche, aber nicht die Aufgaben in Mathematik.

Oder es kennt die deutschen Wörter, kann jedoch eine biologische Erklärung nicht strukturieren.

Dann kann die Verbindung von Sprachunterricht und fachlicher Unterstützung sinnvoller sein.

Deutsch + Mathematik

Der Schwerpunkt liegt auf dem mathematischen Verständnis und der sprachlichen Darstellung mathematischer Denkprozesse.

Deutsch + Biologie

Der Schwerpunkt liegt auf Fachbegriffen, Prozessen, Ursache-Wirkungs-Beziehungen und nachvollziehbaren Erklärungen.

Deutsch + schulische Arbeitsaufträge

Der Schwerpunkt liegt darauf, Operatoren, Aufgabenformate und erwartete Antwortstrukturen zu verstehen.

Diese Bereiche lassen sich nicht immer vollständig trennen.

Aber eine gute Förderung sollte erkennen, an welcher Stelle die Schwierigkeit entsteht.

20. Individuelle Unterstützung für Familien in der Schweiz

Bei Levitin Language School und Language Learnings können Familien Unterstützung für unterschiedliche Lernziele finden: vom allgemeinen Deutschunterricht bis zur sprachlichen und fachlichen Begleitung schulischer Aufgaben.

Die Angebote sind nicht auf eine einzige Unterrichtsform beschränkt.

Für Kinder und Jugendliche, die eine Schule in der Deutschschweiz besuchen, kann es besonders sinnvoll sein, mit einer konkreten Schwierigkeit zu beginnen:

Versteht das Kind die Lehrperson nicht?

Sind die schriftlichen Aufgaben zu komplex?

Fehlt Fachwortschatz?

Gibt es Lücken in Mathematik oder einem anderen Schulfach?

Oder kann das Kind sein vorhandenes Wissen nicht angemessen auf Deutsch ausdrücken?

Für den sprachlichen Aufbau stehen individuelle Deutschlektionen und die Auswahl geeigneter Lehrpersonen zur Verfügung.

Wer zunächst die Arbeitsweise kennenlernen möchte, kann sich auch über das Profil von Tymur Levitin und seine Unterrichtsschwerpunkte informieren.

Für eine direkte Anfrage zur Situation Ihres Kindes können Sie Tymur Levitin über Telegram kontaktieren. Beschreiben Sie am besten das Alter des Kindes, den Kanton, die Schulstufe, die bisherige Unterrichtssprache und die konkrete Schwierigkeit.

So lässt sich klären, ob vorrangig Deutschunterricht, schulische Fachunterstützung oder eine Kombination beider Bereiche sinnvoll erscheint.

Die Angebote der Schule ergänzen den regulären Unterricht. Sie ersetzen weder kantonale DaZ-Massnahmen noch schulische Abklärungen oder Entscheidungen der zuständigen Schule.

21. Was Familien bei der Wahl einer Lehrperson fragen sollten

Nicht nur die Frage «Unterrichten Sie Deutsch?» ist entscheidend.

Ebenso wichtig ist, ob eine Lehrperson erklären kann, wie sie die konkrete Schwierigkeit des Kindes untersuchen würde.

Eine hilfreiche erste Frage lautet:

Wie unterscheiden Sie, ob mein Kind den Fachinhalt nicht versteht oder ob die deutsche Aufgabenstellung das Problem ist?

Eine zweite:

Wie helfen Sie einem Kind, das eine Aufgabe lösen kann, aber seinen Lösungsweg nicht auf Deutsch begründen kann?

Und eine dritte:

Wie berücksichtigen Sie die bisherige Schulbildung und die stärkste Sprache meines Kindes?

Die Antworten können mehr über die Eignung einer Lehrperson aussagen als ihre Nationalität oder die allgemeine Bezeichnung «Deutsch-Nachhilfe».

22. Die eigentliche Frage lautet nicht Schweizerdeutsch oder Hochdeutsch

Kehren wir zur Ausgangssituation zurück.

Ein Kind kommt in die Deutschschweiz.

Es versteht nicht alles auf dem Pausenplatz.

Es liest Schultexte langsam.

Es hat Schwierigkeiten mit mathematischen Aufgaben.

Vielleicht hängen diese Probleme zusammen.

Vielleicht aber auch nicht.

Eine pauschale Empfehlung würde lauten:

«Das Kind muss besser Deutsch lernen.»

Eine präzisere Analyse fragt:

Welche sprachliche oder fachliche Anforderung verhindert gerade die Teilnahme, das Verstehen oder die Darstellung des vorhandenen Wissens?

Wenn das Problem im Dialektverstehen liegt, braucht es entsprechende Hör- und Verstehenspraxis.

Wenn die Standardsprache unsicher ist, muss diese gezielt gestärkt werden.

Wenn Bildungssprache fehlt, müssen schulische Erklärungs- und Denkformen aufgebaut werden.

Wenn Fachwissen fehlt, braucht das Kind fachliche Unterstützung.

Und wenn mehrere Schwierigkeiten zusammenkommen, muss die Förderung entsprechend kombiniert werden.

Schlussfolgerung: Schulisches Deutsch ist kein einzelnes Fach, sondern ein Zugang zu Wissen

Schweizerdeutsch ist für viele Kinder ein wichtiger Teil der sozialen Wirklichkeit.

Standarddeutsch ermöglicht den Zugang zu Schriftlichkeit und wesentlichen schulischen Lernprozessen.

Bildungs- und Fachsprache machen es möglich, Wissen zu verstehen, zu bearbeiten und nachzuweisen.

Keine dieser Ebenen sollte mit den anderen verwechselt werden.

Für zugewanderte Familien ist deshalb nicht die Frage entscheidend, welche Sprachform grundsätzlich wichtiger ist.

Entscheidend ist, welche Funktion die Sprache in der konkreten Situation erfüllen muss.

Ein Kind soll nicht nur Wörter verstehen.

Es soll Aufgaben verstehen.

Nicht nur richtige Ergebnisse finden.

Sondern auch zeigen können, warum sie richtig sind.

Nicht nur am Alltag teilnehmen.

Sondern zunehmend selbstständig durch Deutsch lernen können.

«Die richtige Sprache für die Schule ist keine Sprachvarietät, die man ein für alle Mal auswählt. Entscheidend ist die Fähigkeit zu erkennen, was eine Situation verlangt, und Wissen durch Sprache zugänglich zu machen.»

— Tymur Levitin

Autor: Tymur Levitin — Gründer und Direktor der Levitin Language School, Sprachlehrer, Übersetzer und Autor von Untersuchungen über Sprache, Denken und Kommunikation.

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