Wer Englisch mit Deutsch vergleicht, stößt früher oder später auf eine Konstruktion, die zunächst überraschend einfach aussieht:
be supposed to
In vielen Lehrbüchern findet man dafür eine schnelle Übersetzung:
be supposed to = sollen
Manchmal funktioniert das tatsächlich.
Aber nur manchmal.
Denn je nach Situation kann be supposed to im Deutschen mit sollen, müssen, erwartet werden, vorgesehen sein, geplant sein oder sogar mit einer ganz anderen Konstruktion wiedergegeben werden.
Das eigentliche Problem besteht deshalb nicht darin, die richtige deutsche Übersetzung auswendig zu lernen.
Es gibt keine einzige.
Man muss verstehen, welche Beziehung zwischen Erwartung und Wirklichkeit der englische Sprecher ausdrückt.
Der Kern: Eine Erwartung existiert bereits
Betrachten wir einen einfachen Satz:
The train is supposed to arrive at 8:00.
Eine natürliche deutsche Wiedergabe wäre:
Der Zug soll um 8 Uhr ankommen.
Aber was bedeutet soll hier?
Niemand befiehlt dem Zug, um acht Uhr anzukommen.
Es geht auch nicht darum, was der Sprecher persönlich für richtig hält.
Gemeint ist vielmehr:
Laut Fahrplan wird die Ankunft um 8 Uhr erwartet.
Oder:
Der Zug ist planmäßig für 8 Uhr vorgesehen.
Genau hier liegt der semantische Kern von be supposed to:
Es gibt bereits eine Erwartung, einen Plan, eine Regel oder eine Vorstellung davon, wie die Wirklichkeit aussehen sollte.
Die Konstruktion beschreibt also nicht einfach das Ereignis.
Sie beschreibt das Ereignis im Verhältnis zu einer bestehenden Erwartung.
Warum „sollen“ eine gute — aber gefährliche — Übersetzung ist
Deutschsprachige Lernende haben gegenüber vielen anderen Englischlernenden einen interessanten Vorteil.
Das deutsche sollen kann dem englischen be supposed to erstaunlich nahekommen.
Vergleichen wir:
You are supposed to be here at nine.
Du sollst um neun hier sein.
Beide Sätze können ausdrücken, dass die Erwartung nicht unmittelbar vom Sprecher selbst stammt.
Vielleicht gibt es eine Anweisung.
Vielleicht wurde etwas vereinbart.
Vielleicht verlangt es eine Regel.
Vielleicht erwartet es eine andere Person.
Gerade darin unterscheiden sich sollen und be supposed to häufig von einer direkten persönlichen Forderung.
Doch die Ähnlichkeit darf uns nicht täuschen.
Denn die Bedeutungsräume der beiden Konstruktionen überlappen sich — sie sind aber nicht identisch.
„Be supposed to“ ist nicht einfach „müssen“
Vergleichen wir:
You must be here at nine.
und:
You are supposed to be here at nine.
Der erste Satz formuliert eine starke Verpflichtung.
Der zweite verweist eher auf eine bereits bestehende Erwartung.
Auf Deutsch könnte der Unterschied je nach Kontext etwa so erscheinen:
Du musst um neun hier sein.
gegenüber:
Du sollst um neun hier sein.
oder:
Es wird erwartet, dass du um neun hier bist.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Must stellt die Verpflichtung stärker in den Vordergrund.
Be supposed to stellt stärker die Norm oder Erwartung in den Vordergrund, die bereits existiert.
Deshalb begegnet uns die Konstruktion häufig bei:
- Regeln,
- Arbeitsabläufen,
- gesellschaftlichen Erwartungen,
- Vereinbarungen,
- Fahrplänen,
- offiziellen Verfahren.
„Be supposed to“ ist auch nicht einfach „should“
Noch deutlicher wird der Unterschied bei should.
Vergleichen wir:
You should call your mother.
und:
You are supposed to call your mother.
Im ersten Fall könnte der Sprecher einen persönlichen Rat geben:
Du solltest deine Mutter anrufen.
Im zweiten Satz existiert bereits eine Erwartung.
Vielleicht hat die Person versprochen anzurufen.
Vielleicht gehört es zu einer übernommenen Verantwortung.
Vielleicht wartet die Mutter auf diesen Anruf.
Im Deutschen wäre deshalb je nach Situation natürlicher:
Du sollst deine Mutter anrufen.
oder:
Du wolltest doch deine Mutter anrufen.
oder sogar:
Es wird erwartet, dass du deine Mutter anrufst.
Der Unterschied liegt nicht primär in der Grammatik.
Er liegt darin, woher die Erwartung kommt.
Bei should bewertet der Sprecher häufig selbst die Situation.
Bei be supposed to verweist er häufig auf eine Erwartung, die bereits Teil der Situation ist.
Das deutsche „sollen“ zeigt uns etwas Wichtiges
Gerade der Vergleich mit dem Deutschen macht einen tieferen Mechanismus sichtbar.
Betrachten wir:
Du sollst morgen zum Chef kommen.
Dieser Satz enthält eine interessante Information.
Der Sprecher muss nicht selbst derjenige sein, der das Treffen verlangt.
Die Aufforderung kann von jemand anderem stammen.
Das Deutsche kann mit sollen also eine Art fremde Erwartung oder fremden Auftrag markieren.
Genau deshalb entsteht eine natürliche Nähe zu:
You are supposed to see the boss tomorrow.
Aber Englisch und Deutsch organisieren diese Bedeutung nicht immer gleich.
Deutsch kann beispielsweise sagen:
Der Zug soll um acht kommen.
Englisch:
The train is supposed to arrive at eight.
Hier geht es nicht um eine Verpflichtung des Zuges.
Das deutsche sollen und das englische be supposed to zeigen vielmehr, dass die Information aus einem Plan, einer Erwartung oder einer externen Quelle stammt.
Das ist keine Wortgleichheit.
Es ist eine Ähnlichkeit der Perspektive.
Wenn die Erwartung und die Wirklichkeit auseinandergehen
Besonders interessant wird be supposed to in der Vergangenheit.
The package was supposed to arrive yesterday.
Eine mögliche Übersetzung lautet:
Das Paket sollte gestern ankommen.
Grammatisch scheint der Satz neutral zu sein.
Pragmatisch passiert aber oft mehr.
Sehr häufig versteht der Hörer:
Das Paket ist nicht angekommen.
Dasselbe gilt für:
He was supposed to call me.
Deutsch:
Er sollte mich anrufen.
Je nach Kontext liegt die Fortsetzung fast schon in der Luft:
… aber er hat es nicht getan.
Das ist entscheidend.
Die Konstruktion kann eine Lücke zwischen erwarteter und tatsächlicher Wirklichkeit sichtbar machen.
Wir haben also zwei Ebenen:
Erwartete Realität:
He was supposed to call.
Tatsächliche Realität:
He didn’t call.
Die Grammatik beschreibt die erste Ebene.
Der Kontext lässt uns häufig die zweite erschließen.
Warum „sollte“ hier nicht automatisch Konjunktiv II bedeutet
Für deutschsprachige Lernende entsteht an dieser Stelle eine zusätzliche Schwierigkeit.
Der Satz
Er sollte mich anrufen.
kann formal wie eine Form von sollen aussehen, die man aus anderen Zusammenhängen mit Empfehlungen verbindet:
Du solltest mehr schlafen.
Doch diese beiden Verwendungen funktionieren semantisch unterschiedlich.
Du solltest mehr schlafen.
entspricht häufig:
You should sleep more.
Aber:
Er sollte mich gestern anrufen.
kann im passenden Kontext eher bedeuten:
He was supposed to call me yesterday.
Dasselbe deutsche Wort sollte kann also auf unterschiedliche englische Strukturen führen.
Wer nur Wortgleichungen lernt, bekommt hier zwangsläufig Probleme.
Wer dagegen fragt, welche Art von Erwartung der Satz ausdrückt, kann die richtige Struktur wählen.
Pläne: „vorgesehen sein“ kann genauer sein als „sollen“
Nehmen wir:
We are supposed to meet tomorrow.
Man könnte übersetzen:
Wir sollen uns morgen treffen.
Aber je nach Kontext klingt das im Deutschen so, als hätte jemand anderes das Treffen angeordnet.
Das englische Original kann wesentlich neutraler sein.
Gemeint sein kann einfach:
Wir haben vor, uns morgen zu treffen.
Wir sind für morgen verabredet.
Das Treffen ist für morgen vorgesehen.
Das zeigt, warum Übersetzen Wort für Wort nicht funktioniert.
Die englische Konstruktion bleibt dieselbe.
Die natürliche deutsche Formulierung verändert sich mit der Situation.
Regeln und soziale Erwartungen
Ein weiteres typisches Beispiel:
Students are supposed to wear uniforms.
Hier könnte Deutsch sagen:
Die Schüler sollen Uniform tragen.
Doch ebenso möglich sind:
Die Schüler müssen Uniform tragen.
oder:
Für die Schüler ist das Tragen einer Uniform vorgeschrieben.
Welche Version richtig ist, hängt davon ab, was genau gemeint ist.
Ist es eine verbindliche Vorschrift?
Eine schulische Erwartung?
Eine allgemein akzeptierte Norm?
Be supposed to selbst lässt häufig mehr Raum als das deutsche müssen.
Gerade deshalb ist die Konstruktion im realen Englisch so nützlich.
Vier Sätze — vier verschiedene Perspektiven
Betrachten wir denselben Sachverhalt aus vier Perspektiven:
He will come.
Er wird kommen.
Das Ereignis steht im Mittelpunkt.
He must come.
Er muss kommen.
Die Verpflichtung steht im Mittelpunkt.
He should come.
Er sollte kommen.
Die Bewertung oder Empfehlung steht im Mittelpunkt.
He is supposed to come.
Er soll kommen / Es wird erwartet, dass er kommt.
Die bestehende Erwartung steht im Mittelpunkt.
Das Ereignis kann dasselbe sein.
Was sich verändert, ist die Perspektive des Sprechers auf dieses Ereignis.
Genau hier beginnt echte Grammatik
Grammatik wird häufig als System von Formen gelernt:
must = müssen
should = sollte
be supposed to = sollen
Für erste Übungen kann das hilfreich sein.
Für echtes Sprachverständnis reicht es nicht.
Denn Sprecher wählen grammatische Strukturen nicht nur danach, was passiert.
Sie wählen sie auch danach, wie sie das Geschehen einordnen.
Ist etwas notwendig?
Empfehlenswert?
Erwartet?
Vereinbart?
Vorgeschrieben?
Geplant?
Oder hätte es eigentlich passieren sollen, ist aber nicht passiert?
Das sind keine kleinen stilistischen Unterschiede.
Das sind unterschiedliche Modelle derselben Realität.
Eine bessere Frage beim Englischlernen
Wenn Sie be supposed to sehen, fragen Sie deshalb nicht zuerst:
Wie übersetze ich das?
Fragen Sie:
Welche Erwartung existiert hier — und woher kommt sie?
Ist es eine Regel?
You’re supposed to show your ID.
Ist es ein Plan?
The flight is supposed to leave at 6:30.
Ist es eine Vereinbarung?
We’re supposed to meet after work.
Ist es eine nicht erfüllte Erwartung?
He was supposed to send the document yesterday.
Sobald diese Ebene klar ist, ergibt sich die passende deutsche Formulierung meist viel leichter.
Sprache ist mehr als eine Liste von Entsprechungen
Der Vergleich von be supposed to und sollen zeigt etwas Grundsätzliches über das Sprachenlernen.
Zwei Sprachen können sehr ähnliche Bedeutungen ausdrücken, ohne dieselben Grenzen zwischen diesen Bedeutungen zu ziehen.
Deshalb ist:
be supposed to = sollen
nicht falsch.
Es ist nur zu klein.
Manchmal heißt es sollen.
Manchmal müssen.
Manchmal vorgesehen sein.
Manchmal erwartet werden.
Manchmal braucht Deutsch eine ganz andere Formulierung.
Wer Englisch wirklich verstehen möchte, muss deshalb nicht nur Wörter und Regeln lernen.
Man muss lernen zu erkennen, welche Beziehung ein Sprecher zwischen Sprache, Erwartung und Wirklichkeit herstellt.
Englisch systematisch weiterlernen
Wenn Sie solche Unterschiede nicht nur auswendig lernen, sondern verstehen möchten, wie englische Grammatik in realer Kommunikation Bedeutung erzeugt, können Sie das Englisch-Angebot der Levitin Language School weiter erkunden.
Unser Ansatz verbindet Grammatik, Sprachgebrauch, Kommunikation und vergleichende Sprachbetrachtung. Ziel ist nicht nur zu wissen, welche Konstruktion „richtig“ ist, sondern zu verstehen, warum ein Sprecher gerade diese Konstruktion wählt.
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Tymur Levitin
Founder & Director
Levitin Language School / Language Learnings
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