Warum man „shivering like a bastard“ nicht Wort für Wort verstehen kann

Manchmal liegt das größte Übersetzungsproblem nicht darin, dass man ein Wort nicht kennt.

Sondern darin, dass man es kennt.

Man schlägt bastard nach, findet Bedeutungen wie Bastard, uneheliches Kind, Mistkerl oder Dreckskerl — und glaubt, das Problem sei gelöst.

Dann liest man bei J. D. Salinger:

“I was still shivering like a bastard.”

Und plötzlich funktioniert keine dieser Bedeutungen richtig.

Holden beschimpft hier niemanden.

Er sagt nicht, dass er ein Bastard ist.

Er vergleicht sich auch nicht ernsthaft mit einem bestimmten Menschentyp.

Er zittert einfach extrem.

Aber warum steht dort dann bastard?

Genau hier beginnt Übersetzen interessant zu werden.


Das Wörterbuch kennt das Wort. Der Satz kennt etwas anderes.

Ein Wort besitzt keine einzige Bedeutung, die es wie einen Gegenstand von Satz zu Satz mit sich herumträgt.

Seine Funktion entsteht im Kontext.

Das ist bei bastard besonders deutlich.

Als Substantiv kann das Wort tatsächlich einen Menschen bezeichnen. Historisch und in bestimmten Verwendungen bezieht es sich auf uneheliche Abstammung; in der modernen Umgangssprache kann es außerdem eine beleidigende Bezeichnung für eine Person sein.

Doch daraus folgt nicht, dass jede Konstruktion mit bastard diese Person bezeichnet.

In einer Formulierung wie

shivering like a bastard

kann das Wort einen großen Teil seines gewöhnlichen denotativen Inhalts verlieren.

Die Konstruktion funktioniert dann eher als Verstärkung:

he was shivering intensely.

Nur ist intensely stilistisch etwas völlig anderes.

Und genau darin steckt das Problem.


Bedeutung kann verschwinden, ohne dass das Wort überflüssig wird

Das klingt zunächst paradox.

Wenn bastard hier nicht wirklich „Bastard“ bedeutet — warum verwendet Salinger das Wort überhaupt?

Weil Wörter mehr transportieren als ihre lexikalische Definition.

Sie können gleichzeitig Register, soziale Positionierung, Rhythmus, Emotionalität und Sprecherhaltung erzeugen.

Vergleichen wir:

I was shivering intensely.

I was shivering terribly.

I was shivering like crazy.

I was shivering like a bastard.

Alle vier Sätze können ungefähr dieselbe Intensität einer körperlichen Reaktion beschreiben.

Aber sie gehören nicht derselben Stimme.

Der erste klingt neutral oder sogar analytisch.

Der zweite ist emotionaler.

Der dritte ist deutlich umgangssprachlicher.

Der vierte trägt zusätzlich die Rauheit und sprachliche Grenzüberschreitung, die zu Holdens Erzählstimme gehört.

Die denotative Bedeutung kann also schwächer werden, während die pragmatische Funktion des Wortes stark bleibt.

Das Wort sagt weniger darüber, wer oder was ein bastard ist, und mehr darüber, wie Holden spricht.


Der Übersetzer übersetzt deshalb nicht nur Bedeutung

Hier entsteht eine unangenehme Entscheidung.

Nehmen wir an, wir wollen den Satz ins Deutsche übertragen.

Eine formal naheliegende Lösung wäre:

Ich zitterte wie ein Bastard.

Die Wörter scheinen zusammenzupassen.

Englisch bastard.

Deutsch Bastard.

Problem gelöst?

Gerade nicht.

Denn die deutsche Formulierung aktiviert viel stärker die Frage:

Warum zittert ein Bastard auf eine besondere Weise?

Das Bild wird plötzlich konkret.

Der Leser beginnt möglicherweise nach einer Logik zu suchen, die im englischen Ausdruck gar nicht entscheidend ist.

Lexikalische Nähe erzeugt funktionale Distanz.

Das ist eines der gefährlichsten Phänomene beim Übersetzen.

Zwei Wörter können historisch verwandt sein, ähnlich aussehen und in Wörterbüchern einander entsprechen — und im konkreten Satz trotzdem völlig verschiedene Dinge tun.


Vielleicht müsste man gerade das Wort verlieren

Man könnte stattdessen schreiben:

Ich zitterte wie verrückt.

Nun funktioniert die Intensivierung.

Aber etwas anderes verändert sich.

Wie verrückt ist eine etablierte deutsche Verstärkung. Sie liest sich leicht. Vielleicht sogar zu leicht.

Holdens sprachliche Rauheit wird geglättet.

Eine andere Möglichkeit wäre:

Ich zitterte wie Espenlaub.

Das Deutsche besitzt hier ein ausgezeichnetes idiomatisches Bild.

Aber nun passiert wieder etwas Neues.

Wir bekommen ein Bild.

Ein Blatt.

Bewegung.

Eine kulturell vertraute Redewendung.

Der englische Satz funktioniert jedoch nicht unbedingt deshalb, weil der Leser sich einen „Bastard“ vorstellt, der besonders stark zittert.

Das deutsche Idiom kann also die körperliche Intensität hervorragend übertragen und gleichzeitig die sprachliche Mechanik des Originals verändern.

Keine dieser Lösungen ist automatisch falsch.

Sie beantwortet lediglich eine andere Frage.


Genau deshalb gibt es nicht „die Bedeutung“, die man transportieren muss

Bei Übersetzungen wird häufig so gesprochen, als befände sich im Original ein Paket namens Bedeutung.

Der Übersetzer müsse dieses Paket öffnen, seinen Inhalt entnehmen und ihn in die Zielsprache legen.

Literarische Sprache funktioniert selten so.

In einem einzigen Ausdruck können mindestens mehrere Ebenen gleichzeitig vorhanden sein:

Situation: Holden zittert stark.

Intensität: Das Zittern ist extrem.

Register: Seine Sprache ist informell und rau.

Stimme: Der Satz muss nach Holden klingen.

Rhythmus: Die Verstärkung erscheint spontan innerhalb seines Gedankenflusses.

Soziale Markierung: Er verwendet Wörter, die ein neutraler Erzähler wahrscheinlich vermeiden würde.

Lexikalische Geschichte: Bastard besitzt Bedeutungen, die weit über eine bloße Intensivierung hinausgehen.

Nun muss der Übersetzer entscheiden, welche dieser Ebenen die Zielsprache gleichzeitig tragen kann.

Sehr häufig lautet die Antwort:

nicht alle.


Das ist kein Fehler des Übersetzers

Gerade hier sollte man mit Übersetzungskritik vorsichtig sein.

Es ist einfach, zwei Sätze nebeneinanderzustellen und zu sagen:

Dieses Wort fehlt in der Übersetzung.

Das beweist noch sehr wenig.

Vielleicht wurde ein Wort entfernt, um seine Funktion zu erhalten.

Vielleicht wurde ein Bild eingeführt, weil die Zielsprache die Intensität anders organisiert.

Vielleicht musste Vulgarität abgeschwächt oder an eine andere Stelle verschoben werden.

Vielleicht klingt die formal genaueste Entsprechung in der Zielsprache schlicht falsch.

Übersetzen bedeutet deshalb nicht immer:

Wort → entsprechendes Wort.

Manchmal lautet die tatsächliche Bewegung:

Funktion → anderes sprachliches Mittel.

Und manchmal muss der Übersetzer sogar entscheiden, welche Funktion geopfert wird, weil keine Lösung alles gleichzeitig bewahren kann.


Was ist dann mit „bastard“ passiert?

Hier wird der Fall besonders interessant.

Wenn ein Wort häufig in bestimmten Konstruktionen verwendet wird, kann sich seine Funktion vom ursprünglichen lexikalischen Inhalt entfernen.

Wir tun etwas Ähnliches ständig, ohne darüber nachzudenken.

Ein Ausdruck kann grammatisch wie ein Vergleich aussehen, ohne dass wir tatsächlich zwei Dinge miteinander vergleichen.

Ein Wort kann wie eine Beleidigung aussehen, ohne in diesem Satz jemanden zu beleidigen.

Ein Substantiv kann innerhalb einer Konstruktion fast wie ein Intensivierer funktionieren.

Die Form bleibt.

Die Funktion wandert.

Und wer nur die Wörterbuchbedeutung übersetzt, übersetzt möglicherweise genau das, was im konkreten Satz am wenigsten wichtig ist.


Holden macht das Problem noch schwieriger

Bei The Catcher in the Rye kommt eine weitere Ebene hinzu.

Holdens Sprache ist nicht bloß ein Behälter für die Handlung.

Sie ist ein Teil der Figur.

Seine Wiederholungen, Übertreibungen, Schimpfwörter, Füllwörter und eigenartigen Verstärkungen zeigen, wie er die Welt sprachlich organisiert.

Deshalb reicht es bei Salinger nicht zu fragen:

Was ist passiert?

Holden hat gefroren.

Das ist leicht zu übertragen.

Interessanter ist:

Wie macht Holden aus diesem körperlichen Zustand einen Holden-Satz?

Und danach:

Wie kann eine andere Sprache daraus einen Satz machen, der in ihr ebenso lebendig funktioniert?

Das sind zwei verschiedene Probleme.


Wörterbuchgleichheit ist nicht Bedeutungsidentität

Dieser kleine Satz zeigt deshalb etwas viel Größeres über Sprachen.

Englisch:

bastard

Deutsch:

Bastard

Auf dem Papier sieht das fast ideal aus.

Doch Übersetzung findet nicht zwischen zwei Wörterbuchspalten statt.

Sie findet zwischen zwei sprachlichen Systemen statt.

Das englische Wort besitzt seine eigenen Kollokationen, pragmatischen Gewohnheiten, Registerwechsel und Konstruktionen.

Das deutsche Wort besitzt andere.

Darum kann die scheinbar perfekte Entsprechung die schlechteste Entscheidung sein.

Und ein Ausdruck, der lexikalisch überhaupt nichts mit dem Original gemeinsam hat, kann dessen Funktion wesentlich genauer treffen.


Vielleicht sollten wir beim Übersetzen eine andere Frage stellen

Nicht:

Was bedeutet dieses Wort?

Sondern zuerst:

Was macht dieses Wort genau hier?

Beschreibt es?

Bewertet es?

Verstärkt es?

Beleidigt es?

Erzeugt es Rhythmus?

Markiert es soziale Zugehörigkeit?

Zeigt es die Haltung des Sprechers?

Oder trägt es mehrere dieser Funktionen gleichzeitig?

Erst danach lohnt es sich zu fragen, welches deutsche Mittel diese Arbeit übernehmen kann.

Das verändert nicht nur literarisches Übersetzen.

Es verändert auch das Sprachenlernen.

Denn wer eine Fremdsprache ausschließlich als System von Wortgleichungen lernt,

bastard = Bastard

lernt Wörter.

Aber noch nicht unbedingt Sprache.


Sprache beginnt dort, wo die Gleichung nicht mehr funktioniert

Vielleicht ist deshalb gerade ein so unscheinbarer Satz interessant.

“I was still shivering like a bastard.”

Man könnte ihn lesen, verstehen und weitergehen.

Oder man könnte an einem einzigen Wort stehen bleiben und entdecken, dass darin ein grundlegendes Problem jeder Übersetzung steckt:

Ein Wort kann seine gewöhnliche Bedeutung teilweise verlieren und gerade dadurch eine neue sprachliche Aufgabe übernehmen.

Dann muss der Übersetzer entscheiden, was wichtiger ist:

das Wort,

das Bild,

die Intensität,

das Register,

die Stimme

oder die Wirkung.

Eine perfekte Antwort gibt es nicht immer.

Aber genau deshalb ist Übersetzen mehr als das Ersetzen von Wörtern.

Es ist die Entscheidung darüber, welcher Teil eines sprachlichen Ereignisses in einer anderen Sprache weiterleben soll.


Weiterdenken

Der Ausgangspunkt dieser Untersuchung war die englische Analyse “Shivering Like a Bastard: What Holden Really Felt”. Die deutsche Betrachtung verfolgt bewusst eine andere Frage: nicht, welche deutsche Formulierung „richtig“ wäre, sondern was überhaupt geschieht, wenn ein lexikalisch bedeutungsvolles Wort innerhalb einer Konstruktion eine andere Funktion übernimmt.

Autor

Tymur Levitin
Gründer und Leiter der Levitin Language School
Philologe, Sprachlehrer und Übersetzer

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