Ein Wort kann korrekt übersetzt sein — und trotzdem etwas Falsches vermitteln.

Gerade bei Realien zeigt sich dieses Problem besonders deutlich. Ein Wörterbuch kann eine Bedeutung nennen. Ein zweisprachiges Glossar kann eine Entsprechung anbieten. Selbst ein professionell gewähltes Wort kann sprachlich völlig akzeptabel sein.

Und dennoch kann der Leser etwas anderes verstehen als ein Mensch, der mit der Ausgangskultur vertraut ist.

Warum?

Weil zwischen einem Wort und seiner Bedeutung noch etwas liegt: kulturelles Wissen.

Genau dort beginnt das eigentliche Problem der Übersetzung von Realien.

Ein Wort bezeichnet nicht nur etwas

Nehmen wir einen scheinbar einfachen Fall.

Das deutsche Wort Abitur bezeichnet einen Schulabschluss. Man kann erklären, dass es sich um eine Hochschulzugangsberechtigung handelt. In einem anderen Bildungssystem lässt sich vielleicht sogar ein Abschluss finden, der eine ähnliche Funktion erfüllt.

Damit ist das Problem jedoch nicht vollständig gelöst.

Wer in Deutschland aufgewachsen ist, hört in Abitur nicht nur die Information:

Schulabschluss, der den Zugang zur Universität ermöglicht.

Das Wort aktiviert zugleich Wissen über Schule, Oberstufe, Prüfungen, Noten, Bildungswege, soziale Erwartungen und einen bestimmten Lebensabschnitt.

Dieses Wissen steht nicht im Wort selbst.

Es wird kulturell mitgeliefert.

Für einen Leser außerhalb dieses Systems ist ein großer Teil davon nicht automatisch vorhanden.

Genau deshalb reicht lexikalische Äquivalenz häufig nicht aus.

Die entscheidende Kette ist länger als Wort → Wort

Übersetzung wird oft gedanklich auf ein einfaches Modell reduziert:

Wort → Bedeutung → anderes Wort

Bei Realien funktioniert dieses Modell nur begrenzt.

Die tatsächliche Bewegung ist eher:

Wort → Referent → kulturelles Wissen → Funktion → Interpretation → Übersetzungsentscheidung

Jeder Schritt verändert die Aufgabe.

Zuerst muss der Übersetzer verstehen, worauf ein Ausdruck verweist.

Dann muss er erkennen, welches Wissen die Ausgangskultur damit verbindet.

Danach stellt sich die Frage, welche Funktion dieses Element im konkreten Text erfüllt.

Erst jetzt kann entschieden werden, was der Zieltext tatsächlich braucht.

Das Ziel ist also nicht unbedingt, dasselbe Wort zu finden.

Das Ziel ist, zu entscheiden, welcher Teil der kulturellen Bedeutung für diesen Leser in dieser Situation zugänglich gemacht werden muss.

Warum „Entsprechung“ ein gefährliches Wort sein kann

In der Übersetzungsarbeit suchen wir verständlicherweise nach Entsprechungen.

Das ist praktisch und häufig notwendig.

Problematisch wird es erst dann, wenn eine sprachliche Entsprechung mit einer kulturellen Gleichheit verwechselt wird.

Zwei Institutionen können ähnlich funktionieren, ohne identisch zu sein.

Zwei Speisen können ähnlich aussehen, ohne denselben kulturellen Stellenwert zu besitzen.

Zwei Anredeformen können formal vergleichbar sein und dennoch unterschiedliche soziale Beziehungen markieren.

Zwei scheinbar ähnliche Äußerungen können völlig verschiedene Erwartungen an Höflichkeit, Distanz oder Verantwortung transportieren.

Eine Entsprechung ist deshalb nicht automatisch eine Gleichung.

A ≈ B bedeutet nicht A = B.

Für professionelle Übersetzung ist dieser Unterschied entscheidend.

Realien existieren nicht nur in Dingen

Beim Begriff Realien denken viele zunächst an Speisen, Kleidung, historische Gegenstände, Behörden, Titel oder lokale Traditionen.

Das ist nur die sichtbarste Ebene.

Kulturell spezifisch können auch Kommunikationsformen sein.

Wie direkt darf eine Ablehnung ausgesprochen werden?

Wie wird Unsicherheit signalisiert?

Wann klingt eine Aussage höflich, wann ausweichend?

Wie wird Verantwortung sprachlich verteilt?

Was darf unausgesprochen bleiben, weil Gesprächspartner innerhalb derselben Kultur es ohnehin verstehen?

Hier gibt es möglicherweise gar kein einzelnes „schwieriges Wort“.

Und trotzdem entsteht ein Übersetzungsproblem.

Das zeigt, dass Unübersetzbarkeit nicht immer lexikalische Unübersetzbarkeit bedeutet.

Manchmal sind alle Wörter übersetzbar, während die kommunikative Logik dahinter nicht automatisch übertragen wird.

Ein einfaches deutsches Beispiel: „Feierabend“

Feierabend lässt sich erklären.

Man kann sagen:

the end of the working day

oder je nach Situation:

time after work.

Beide Formulierungen können kommunikativ nützlich sein.

Aber damit ist Feierabend noch nicht vollständig rekonstruiert.

Denn das deutsche Wort kann je nach Kontext nicht nur einen Zeitpunkt bezeichnen, sondern eine Grenze markieren: Arbeit ist für heute beendet. Ein anderer sozialer Zustand beginnt.

Deshalb funktioniert auch:

Ich mache Feierabend.

Eine rein lexikalische Suche nach einem einzelnen englischen „Äquivalent“ verfehlt hier einen Teil des Problems.

Der Übersetzer muss zunächst fragen:

Was tut dieses Wort gerade im Text?

Bezeichnet es Zeit?

Beendet es eine Tätigkeit?

Signalisiert es Erleichterung?

Markiert es eine kulturell erkennbare Grenze zwischen Arbeit und Privatleben?

Erst danach lässt sich entscheiden, welche englische Formulierung im konkreten Kontext funktioniert.

Das ist keine Niederlage der Übersetzung.

Das ist Übersetzung auf professionellem Niveau.

Kulturelle Interpretation kommt vor der Formulierung

Damit verändert sich die Reihenfolge der Arbeit.

Die erste Frage sollte nicht lauten:

Wie heißt dieses Wort auf Deutsch, Englisch, Ukrainisch oder Spanisch?

Die erste Frage lautet:

Was muss der Leser hier verstehen?

Vielleicht muss er wissen, was ein Gegenstand ist.

Vielleicht muss er die Funktion einer Institution verstehen.

Vielleicht ist die historische Atmosphäre wichtiger als eine genaue Erklärung.

Vielleicht muss eine soziale Hierarchie sichtbar bleiben.

Vielleicht soll gerade die Fremdheit erhalten werden.

Vielleicht braucht der Leser eine kurze Erklärung.

Und manchmal darf nicht erklärt werden, weil eine Erklärung den literarischen oder kommunikativen Effekt zerstören würde.

Deshalb gibt es keine universell beste Strategie für Realien.

Die richtige Entscheidung entsteht erst aus der Verbindung von Bedeutung, Funktion, Leser und Situation.

Vier Übersetzungen können gleichzeitig richtig sein

Stellen wir uns eine kulturspezifische Bezeichnung vor.

Ein Übersetzer kann:

  • die Originalbezeichnung erhalten;
  • sie beschreiben;
  • ihre Funktion wiedergeben;
  • sie durch eine Kombination aus Originalbezeichnung und Erklärung vermitteln.

Welche Variante ist richtig?

Ohne Kontext lässt sich diese Frage nicht beantworten.

In einem historischen Roman kann die fremde Form wichtig sein.

In einer Bedienungsanleitung wäre sie möglicherweise störend.

In einem wissenschaftlichen Text kann terminologische Präzision Vorrang haben.

In einem Gespräch muss Verständlichkeit vielleicht innerhalb einer Sekunde hergestellt werden.

Das bedeutet etwas Grundsätzliches:

Übersetzungsentscheidungen existieren nicht unabhängig von ihrem kommunikativen Zweck.

Dasselbe kulturelle Element kann deshalb in verschiedenen Texten unterschiedlich übersetzt werden, ohne dass eine der Lösungen automatisch falsch sein muss.

Bedeutungsübertragung ist nicht Bedeutungsidentität

Hier liegt ein weiterer wichtiger Unterschied.

Bei der Bedeutungsübertragung wird nicht notwendigerweise eine vollständig identische semantische Einheit von Sprache A nach Sprache B transportiert.

Eine solche Einheit existiert oft gar nicht.

Stattdessen entscheidet der Übersetzer, welche Komponenten rekonstruiert werden müssen.

Man könnte das als Auswahlproblem darstellen:

Identität? Funktion? Atmosphäre? soziale Wirkung? historischer Kontext? Verständlichkeit? Fremdheit?

Nicht alles lässt sich gleichzeitig in derselben Form bewahren.

Professionelle Übersetzung besteht deshalb häufig nicht darin, Informationsverlust vollständig zu verhindern.

Sie besteht darin, bewusst zu entscheiden, welcher Verlust akzeptabel ist und welcher die Bedeutung zerstören würde.

Unübersetzbarkeit bedeutet nicht: „Man kann nichts machen“

Das Wort Unübersetzbarkeit wird manchmal zu absolut verstanden.

Wenn etwas unübersetzbar ist, scheint daraus zu folgen, dass Übersetzung unmöglich sei.

Das ist nicht die produktivste Interpretation.

Unübersetzbarkeit kann vielmehr bedeuten:

Es existiert keine einzelne Zielspracheneinheit, die dieselbe kulturelle Arbeit automatisch übernimmt.

Das ist etwas anderes.

Der Übersetzer kann erklären.

Er kann die Ausgangsform erhalten.

Er kann funktional formulieren.

Er kann Kontext aufbauen.

Er kann eine Analogie verwenden.

Er kann verschiedene Verfahren kombinieren.

Was er nicht tun sollte, ist so zu tun, als hätte ein ähnlich aussehendes Wort automatisch das gesamte Problem gelöst.

Der Übersetzer vermittelt zwischen Wissenswelten

Damit verändert sich auch das Bild des Übersetzers.

Ein Übersetzer bewegt nicht einfach Wörter zwischen zwei Sprachsystemen.

Er arbeitet zwischen mindestens zwei Wissensräumen.

Der Ausgangstext kann voraussetzen, dass seine Leser bestimmte Institutionen, Rituale, historische Ereignisse, soziale Rollen oder Kommunikationsnormen kennen.

Der Zieltext darf dieses Wissen nicht automatisch voraussetzen.

Deshalb muss der Übersetzer eine Differenz erkennen:

Was weiß der Ausgangsleser, ohne dass der Text es erklärt?

und:

Was weiß der Zielleser nicht, obwohl im Text dieselben Informationen scheinbar vorhanden sind?

Diese Differenz ist einer der Orte, an denen professionelle kulturelle Interpretation beginnt.

Eine praktischere Frage für Übersetzer

Statt sofort zu fragen:

Wie übersetze ich das?

kann man eine präzisere Folge von Fragen verwenden:

Worauf verweist der Ausdruck?

Was weiß ein Mensch der Ausgangskultur darüber?

Welche Funktion erfüllt dieses Wissen im Text?

Was davon fehlt dem Zielleser?

Was muss erhalten bleiben?

Was darf erklärt, angepasst oder unausgesprochen bleiben?

Welche Form erzeugt unter diesen Bedingungen die sinnvollste Wirkung?

Erst die letzte Frage betrifft die konkrete Übersetzung.

Alles davor betrifft Interpretation.

Warum das auch für den Sprachunterricht wichtig ist

Dieses Prinzip gehört nicht nur in die professionelle Übersetzung.

Es verändert auch den fortgeschrittenen Sprachunterricht.

Wer eine Fremdsprache lernt, fragt häufig:

Was bedeutet dieses Wort?

Auf einem bestimmten Niveau reicht diese Frage nicht mehr.

Interessanter werden andere Fragen:

Wann sagt man das?

Wer würde es sagen?

Welche Beziehung zwischen Menschen wird dadurch sichtbar?

Was wird vorausgesetzt, aber nicht ausgesprochen?

Welche Reaktion erwartet der Sprecher?

Genau hier treffen Sprachlernen und Übersetzungswissenschaft aufeinander.

Ein Lernender muss nicht zum professionellen Übersetzer werden.

Aber wer kulturelle Bedeutung erkennt, beginnt zu verstehen, warum Sprachen nicht einfach verschiedene Etiketten auf dieselbe Welt kleben.

Übersetzen beginnt dort, wo das Wörterbuch aufhört

Wörterbücher sind unverzichtbar.

Terminologie ist unverzichtbar.

Äquivalente sind unverzichtbar.

Aber keines dieser Werkzeuge kann die Entscheidung des Übersetzers ersetzen.

Denn das Wörterbuch kennt den Eintrag.

Der Übersetzer muss die Situation verstehen.

Das Wörterbuch kann mögliche Bedeutungen zeigen.

Der Übersetzer muss erkennen, welche kulturelle Information gerade aktiv ist.

Das Wörterbuch kann eine Entsprechung anbieten.

Der Übersetzer muss entscheiden, ob diese Entsprechung beim Zielpublikum tatsächlich das richtige Verständnis erzeugt.

Darum ist die entscheidende Bewegung bei Realien nicht:

Wort → Wort

sondern:

Wort → Referent → kulturelles Wissen → Funktion → Interpretation → Übersetzungsentscheidung

Realien zeigen damit besonders deutlich, was für Übersetzung insgesamt gilt:

Bedeutung wird nicht einfach übertragen. Sie muss für einen anderen Wissensraum neu zugänglich gemacht werden.

Und genau deshalb ist professionelle Übersetzung nicht die Suche nach möglichst ähnlichen Wörtern.

Sie ist die Kunst und Disziplin, zu entscheiden, was zwischen zwei kulturellen Welten verstanden werden muss.


Weiterführend

Wer diesen Gedanken weiterverfolgen möchte, kann ihn mit der Frage verbinden, warum Realien überhaupt mehr als einzelne kulturspezifische Wörter sind und weshalb kulturelle Bedeutung nicht auf Wörterbucheinträge reduziert werden kann.

Auch beim Sprachenlernen gilt dasselbe Grundprinzip: Ein Ausdruck wird erst dann wirklich verstanden, wenn nicht nur seine Wörter, sondern auch seine Funktion, Situation und kulturelle Logik sichtbar werden.


Über den Autor

Tymur Levitin — Gründer und Direktor der Levitin Language School, Sprachpädagoge, zertifizierter Übersetzer und Autor.

Die Levitin Language School verbindet Sprachunterricht, Übersetzung, akademische Fächer und fachbezogenes Lernen in einer internationalen Online-Lernumgebung.

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